Kapitel 119

DÖRFER UND STÄDTE

Dr. Bodo SchiffmannGeschrieben Juli–September 2022Originalseiten 560–565
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Die Infrastruktur vieler Länder wurde durch die Industrialisierung genauso gefährdet, wie die kulturelle Identität. Regionale Bräuche, Essen und Kleidung fielen der Landflucht zum Opfer und den Menschen blieb nichts weiter übrig als in die Städte zu ziehen und dort in einer neutralen Gesellschaft aufzuwachsen.

Der leider schon verstorbene Rudi Carrell hatte ein sehr schönes französisches Lied (Jean Ferrat's 'La montagne' von Petra Pascal) auf Deutsch umgedichet: Es heißt das Dorf:

MEIN DORF SONGTEXT:

Das Photo ist schon arg geknickt,

So daß man kaum was drauf erblickt:

Den Bauern auf dem Weg zum Feld.

Den Marktplatz und das dicke Pferd,

Das Bild ist künstlerisch nichts wert,

Doch hier kam ich zur Welt

Das Dorf, ich weiß noch, wie es war,

Die wilde Bauernkinderschar

Mit dicken warmen Pudelmützen.

Das Rathaus mit dem Beet davor,

Der alte Brunnen ohne Chlor,

Die herrlich tiefen Pfützen.

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(Refrain:)

Und auf meiner Lieblingswiese

Entstand ein Hochhaus über Nacht.

Mein Dorf, was ist aus dir geworden?

Was hat man nur mit dir gemacht?

Wie wohnten wir doch damals schlicht
In simplen Häuschen, dicht an dicht,
Mit Gartenzaun aus morschem Holz.
Jetzt ist das Dorf modernisiert,
Man hat es, wie es heißt, saniert
Und darauf sind die Leute stolz.

Denn Dank der neuen Wohnkultur
Sind sie der Zukunft auf der Spur
Und wohnen in Betonkasernen.
Die Enge war zwar erst ein Schock,
Jedoch vom Klo im 7. Stock
Da schweift der Blick in weite Fernen.

Die Jugendlichen sind auf Zack,
Sie haben städtischen Geschmack
Und ein Kassettenradio.
Ich weiß, es ist ihr gutes Recht,
Die neue Zeit ist gar nicht schlecht,
Doch sie macht mich nicht sehr froh.

Ich wuchs mit ihren Eltern auf,
Kein Auto störte unserʹn Lauf.
Wir spielten frei und ungezwungen.

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Ist das denn schon so lange her?

Das Dorf von damals gibt's nicht mehr.

Ein Bild nur und Erinnerungen.

Writer(s): Preylowski Roman, Wuerdig Paul, Gaudlitz Jeremy
Nils, Kraans De Lutin, Mansour Sami Ben Lyrics

Ich finde den Text und auch das Lied von 1978 sehr schön und ich gebe zu, es macht mich auch immer etwas traurig. Ich war damals 10 Jahre alt und wir hatten die Single zuhause. Ich habe dieses Lied mitgesungen und es gehört zu meiner Kindheit und Entwicklung. Auch meine Eltern hatten mit uns als Kinder Stätten Ihrer Jugend besucht und waren traurig, was aus den Erinnerungen geworden ist, weil sie die Dörfer und Städte nicht mehr erkannten.

Was ist die Heimat, was macht uns aus, welchen Wert haben Dialekte, wollen wir unsere ganze Kultur begraben? oder versuchen wir sie vielleicht vor dem sicheren Tod zu retten. Wir können das nur noch so lange machen, wie es Zeitzeugen gibt, die die alten Gebräuche und Kulturen im Herzen und im Kopf bewahrt haben und die uns lernen können, wie unsere Wurzeln sind. Sonst geht es uns wie Sumerern deren Keilschrift keiner mehr lesen konnte, Ägypter bei denen wir noch heute versuchen die Hieroglyphen richtig zu deuten oder Abkömmlinge der einstige Hochkultur der Mayas, die sogar Ihre einstigen Hauptstädte im Dschungel vergessen haben.

Warum drehen wir den Spieß nicht um, und helfen den Menschen zurück in die Natur aufs Land und in die Heimat der Eltern und Großeltern wieder zurückzukehren.

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Ein Baum mag es nicht, wenn man ihn verpflanzt und häufig geht er beim Versuch ein, denn der Boden, der ihn in seiner Jugend genährt hat, ist nicht der Boden in den er versetzt wurde. Warum brauchen die Menschen Urlaub auf dem Land und suchen die Ruhe des Waldes? Weil im Grunde des Herzens die meisten Menschen ihre Wurzeln und die Heimat vermissen. Würden wir Dörfer wieder attraktiv machen, könnten wir eine bessere Versorgungssicherheit gewährleisten. Die meisten Menschen würden wieder ihre eigenen Chefs werden und für das Arbeiten, was sie zum Leben brauchen und wieder zurück zu der Ruhe finden, die ich selbst als heilsam im Exil in Afrika erleben darf. Pole Pole sagt man in Tansania, wo die Dörfer noch eine wichtigere Rolle spielen als die Städte. Jedes Dorf hat seine eigenen Bauern, Schreiner, Werkstätten, Schneider und kleinen Läden, die den täglichen Bedarf so decken wie dies in der Zeit vor den Discountern überall üblich war.

Was haben uns die Discounter gebracht, welchen Vorteil haben wir in der Stadt, Macht die Stadt uns gesund und gibt sie uns Energie? Wie heißen deine Nachbarn im Hochhaus eigentlich? Kennst Du sie? Unterhaltet ihr euch regelmäßig, Sitzt ihr abends zusammen im Dorfgasthaus und spielt zusammen und redet über die Politik und die neuesten Probleme im Dorf? Kümmert es Dich noch, wie es Deinen Nachbarn geht? Helft Ihr Euch gegenseitig beim Hausbau oder bei der Ernte? Spielen Deine Kinder im freien in der Natur, klettern auf Bäume, bauen Verstecke der Staudämme am kleinen Bach der durch die Wiese fließt, die keinen Zaun um sich herum hat? Gehst Du morgens zum Bauern und trinkst warme Milch oder erfreust Dich an seiner selbst gemachten Butter der frischen Marmelade oder feiert ihr zusammen ein Schlachtfest?

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Welchen Vorteil bieten Städte, wenn es alle Geschäfte auch mit persönlicher Beratung und Hilfe im Dorf oder dem Nachbardorf gibt? Wo ist Gemeinschaft und Zusammenhalt vorhanden?

Das Verlassen der Dörfer und Kleinstädte war ein Fehler!

Sie liegen brach und warten darauf wieder mit Leben versorgt zu werden. Dörfer schützen uns weit effektiver vor staatlicher Willkür als Städte. Ich träume davon, dass wir unsere Wurzeln wieder finden und wieder zu autarken starken Gemeinschaften werden, die man nicht verlässt, weil man es muss, sondern weil man es will oder weil man auf Wanderschaft geht um nach der Reise in die Heimat zurückzukehren und dort alles wieder zu erkennen und sich zu freuen, wieder zu Hause zu sein. Wenn jedes Dorf begreift, dass es ein eigenständiges Biotop war, bevor Großkonzerne die Menschen umgesiedelt haben, dann können wir wieder zurückkehren zu echter Freiheit, mit einem selbstbestimmten Leben, bei dem wir selbst den Takt unserer Stechuhr vorgeben.

Natürlich werden die Städte bleiben und für manche Menschen liegen hier die Wurzeln, aber Großstädte mit Hochhäusern werden wieder verschwinden und wenn wir es klug anstellen, werden Kunststädte wie Frankfurt am Main (Mainhattan) bald keine Skyline mehr haben, sondern große Parkanlagen, nachdem die Sklaven der Versicherungs-, Banken-, und Börsenkonzerne die Arbeitslager in den Büro’ s verlassen haben und zurück auf’ s Land gezogen sind, wo sie anfangen für sich selbst zu sorgen.

Diese Wolkenkratzer werden verschwinden und Parkanlagen und Wälder werden an ihre Stelle treten. Das nenne ich: „zurück in die Zukunft“.

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