Kapitel 066

DAS INTERNET

Dr. Bodo SchiffmannGeschrieben Juli–September 2022Originalseiten 318–321
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Ich hatte das Vergnügen, dass ich einer der ersten Menschen sein durfte, die das Internet benutzen konnten, weit bevor es zur Massenware wurde. Denn als ich 1992 in Heidelberg studiert habe, war es den Studenten möglich, diese neue Technik in der Universität und auch privat zu benutzen. Es war noch die Zeit der Modems und Akustikkoppler und die größte weltweite Netzgemeinschaft war das Fidonet, was man getrost als den Vorläufer des heutigen Internets bezeichnen darf – auch wenn es nicht das gleiche Netzwerk ist. Das eigentliche Internet war ein militärisches Netzwerk, Fido dagegen eine private Freak – Gemeinde. Wir haben uns in sogenannten Mailboxen zusammengeschaltet und man musste sich über Telefonleitung in diese Einwählen. Das Internet ist eine gigantische Möglichkeit und gleichzeitig eine gigantische Gefahr. Es hat die Lexika der Welt ersatzlos ersetzt, so dass jedermann, jederzeit alle Informationen abrufen kann und sich weltweit informieren kann. Das Problem ist jedoch: Wer hat das Recht die Inhalte zu steuern und zu beurteilen? Was in einem Lexikon geschrieben steht, ist erst mit der nächsten Ausgabe veränderbar. Wer überprüft den Wahrheitsgehalt der Inhalte im Netz? Wer entscheidet was wahr oder was falsch ist. Nie war es einfacher sich zu informieren oder des-informiert zu werden. Nie war es leichter Informationen nach Belieben zu ändern und zu verfälschen. Nie war es komfortabler Menschen auszuspionieren, da man nicht nur jeden Schritt des Benutzers über seine IP-Adresse verfolgen kann oder über den Fingerabdruck seines Netzgerätes, die MAC-Adresse. Sondern technisch versierten Benutzern war es auf einmal mögliche, diese Geräte inklusive Kamera zu übernehmen und fernzusteuern. Dazu kommt, in der heutigen Zeit, die Möglichkeit mittels selbstständig lernenden Programme, sogenannte Deep-Fake

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Videos zu produzieren, in denen Gesichter von Personen in Videos hineinkopiert werden, so dass man meint, sie wären z.B. bei einem Anschlag vor Ort gewesen, obwohl sie niemals in dieser Region waren.

Es ist sogar möglich in Echtzeit Videos zu produzieren, in denen man selbst einen Text vorträgt der Zuschauer aber statt dessen das Gesicht eines Politikers wie Obama oder Trump sehen. Inclusive einer angepassten Stimme. Auf diese Weise kann man jedem, jedes beliebige Wort in den Mund legen und je nach Können und Computerausstattung sind diese Deep Fake Videos nicht mehr von echten Aufnahmen zu unterscheiden. Wie groß hier die Gefahr des Missbrauches ist, kann sich jeder selbst vorstellen. Es geht weit über die bisher bekannte Fotomontage hinaus, weil man alles in Echtzeit erstellen kann. Ich weiß nicht, warum Menschen auf solche Ideen kommen und verstehe auch die Motivation nicht, um diese Weise absichtlich Fakevideos zu erstellen. Es ist sehr gefährlich und diese Technik öffnet Manipulation und Diktaturen Tür und Tor, da sie am Ende die Möglichkeiten haben die Inhalte zu kontrollieren.

In der Zeit vor 2020 habe ich wirklich geglaubt, dass es in freien Staaten wie Deutschland eine uneingeschränkte Meinungsfreiheit geben würde und Zensur ein Problem von Staaten wie China wäre. Ich war davon überzeugt, dass Deutschland in einer Generation nicht dreimal den gleichen Fehler begehen kann. Ich habe Deutschland für die am besten vor Zensur und Faschismus geschützte Staatsform gehalten. Aber ich habe mich geirrt und das traurige ist, das alles wäre ohne mein geliebtes Internet gar nicht möglich gewesen. Das Internet hat die alten Medien ersetzt. Eigentlich sollte man das begrüßen, denn dann ist die Meinungsvielfalt größer, aber ich musste selbst mit Erschrecken feststellen, wie schnell medizinisch fundierte Inhalte von mir gelöscht werden konnten, ohne dass ich etwas dagegen machen konnte. Ich konnte am eigenen Leib erfahren, wie schnell man zu einer anderen

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Person gemacht wird, als man selbst ist, indem Onlinelexika so modifiziert wurden, dass man von einem der angesehensten, zu einem der meist diffamierten Ärzte geworden ist. Nicht nur das, jeder einzelne Schritt, jede Bewegung mit dem Handy, der Uhr oder dem Auto, konnte ab sofort als perfekte Überwachungseinrichtung benutzt werden. Früher mussten sich Spezialagenten Zutritt zur Wohnung verschaffen und in dieser Abhörmikrofone installieren. Heute trägt jeder seine mobile Wanze und seinen Peilsender ständig mit sich und ist über das Internet jederzeit sichtbar machbar.

Es ist so traurig, denn die Möglichkeiten einer friedlichen Nutzung, würden einen völlig Neuen Vorstoß in die Welt bedeuten, man könnte durch die leichte Quer-Referenzierung schnell Informationen abgleichen und Wissen nutzen. Warum wird hier, wie so häufig alles Gute vom Bösen missbraucht. Wollen wir auf das Internet und seine Möglichkeiten verzichten? Ich möchte das nicht. Wie aber kann man den Missbrauch durch Regierungen und Staaten verhindern? Ich habe keine Antwort, denn das Internet macht nur Sinn, wenn es ein Weltweites Netzwerk ist. Brauchen wir eine neue Struktur. Ein Peer to Peer Netzwerk, brauchen wir verteilte Schlüssel, so dass eine große Anzahl Menschen zustimmen muss bevor zensiert werden darf, darf überhaupt zensiert werden? Wer wacht über die Wächter, wer hat den Schlüssel, wer bedient den Schalter. Brauchen wir neue Endgeräte. Ich weiß es nicht, aber es ist eines der am schwersten zu lösenden Probleme in unserer Gesellschaft.

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