BERUF UND LEHRE
Immer wieder muss ich Vergleiche anstellen mit Tansania, dem Land, in dem ich lebe. Für mich ist Tansania eine Schule. Eine andere Welt, die mir zeigt, wie die Welt bei uns einmal war und die von Europäern als Entwicklungsland bezeichnet wird. Weil wir arroganten Europäer der Meinung sind, dass unsere Errungenschaften, die wir als moderne Zivilisation empfinden, wertvoller und besser sind als das einfachere, entschleunigte Leben in diesem wunderschönen Land. Ich lebe in der Gegend von Arusha, habe einen Blick auf den Kilimanjaro und den Mount Meru und habe häufig das Gefühl, dass dieses Land deutlich näher am Himmel oder Paradies ist, als es Europa und die zivilisierten Länder jemals sein werden. Die Einheimischen sagen“ Arusha is heaven, Arusha is paradise“ eine Übersetzung kann ich mir wohl sparen. An jeder Ecke, auf jeder Straße sieht man Handwerker arbeiten, mit einfachen, teilweise uralten Werkzeugen, mitten im Dreck. Das, was Sie mit Ihren Händen erschaffen, ist häufig graziler und genauer, als dies eine CNC-Fräse schaffen würde. Diese Handwerker bezeichnet man als „Fundi“. Fundi bedeutet einfach Handwerker und wird ergänzt z.B. mit SIMU dann werden hier Handys repariert, oder mit Sofa, dann werden dort Sofas hergestellt. Diese Handwerker brauchen keine Baupläne oder Konstruktionszeichnungen, sind aber in der Lage, jedes gewünschte Werkzeug, Möbelstück oder Bauwerk, aus dem nichts zu erschaffen. So wie du es Dir wünschst und vorstellt. Du malst ein Bild von einem Biedermeier Schreibtisch, legst es einem Schreiner vor und er wird es für Dich aus Holz erschaffen. Willst Du Deinem Auto eine völlig neue Karosserie verpassen, oder eine Eingangstür aus Metall für Dein Haus haben, dann lass es Dir schweißen, wenn Du möchtest. Die Fundis reparieren die defekte Lichtmaschine deines Autos nicht dadurch, dass Sie sie gegen ein neues Bauteil auswechseln, sondern in
dem sie im Zweifel, den kompletten Kupferdraht neu wickeln, um ein Beispiel zu geben. Soweit ich das beurteilen kann, sind sie weit fähiger, als viele deutsche Schreinermeister, insbesondere sind sie unkompliziert.
Kommen wir zum eigentlichen Punkt: Keiner dieser Schreiner geht in eine Berufsschule, niemand macht eine Gesellen- oder Meisterprüfung. Wenn der Lehrling genug bei seinem Meister gelernt hat, geht er auf Wanderschaft oder gründet selbst eine Schreinerei und bildet andere aus, Holz so zu bearbeiten, wie er es gelernt hat.
Anderes Beispiel: Wir hatten in unserer Praxis viele Lehrlinge ausgebildet und hatten auch Quereinsteiger, die schon älter waren und niemals eine Berufsausbildung zum medizinischen Fachangestellten durchlaufen haben. Die Quereinsteiger waren genauso gut wie die Lehrlinge, sie waren sogar besser und schneller als diese, weil sie wesentlich mehr praktische Erfahrung sammeln konnten, während die Lehrlinge, zweimal in der Woche, in die Berufsschule gehen mussten. Gelernt haben sie dort faktisch nichts Sinnvolles.
In unserer Praxis waren Mitarbeiter, die vorher als Koch, Putz- oder IT-Fachmann gearbeitet haben, den Mitarbeitern, die eine vollständige Ausbildung als medizinische Fachangestellte durchlaufen haben, gleichgestellt.
In gewissem Maße gibt dies alles genauso für Studienberufe. Ein erfahrener Arzt bringt einem Studenten mehr bei als jede Vorlesung. Ein versierter Anwalt, ist der bessere Lehrherr als eine Universität.
Letztlich sind wir alle Fundis oder Handwerker, auch wenn die Überheblichkeit der akademischen Berufe das ungern wahr haben möchte.
Mehrfach haben Hochstapler besser als Arzt gearbeitet, als ihre studierten Kollegen. Sie haben als Oberärzte und sogar als Chefärzte gearbeitet, mit großem Erfolg und ohne nennenswerte Kollateralschäden. Irgendwann sind sie aufgeflogen und wurden entweder inhaftiert oder bestraft: Was für eine Verschwendung!
Man sollte diesen, offensichtlich hochbegabten, Menschen eine Ehrenernennung zuteilwerden lassen, denn sie haben z.T. weniger Schaden angerichtet, als ihre studierten Kollegen. Warum darf man theoretische Studiengänge nicht einfach zu Hause selbst studieren und dann in einer Prüfung sein Wissen unter Beweis stellen? Ich selbst habe vor meinem Medizinstudium Zivildienst als Rettungssanitäter abgeleistet und danach weiter in diesem Beruf gearbeitet und diese Tätigkeit geliebt.
Leider musste ich mehr als einmal feststellen, dass viele Ärzte deutlich inkompetenter in Bezug auf Notfallmedizin waren als das Rettungsdienstpersonal mit einer 6 Wochen Ausbildung.
Letztlich war dies der ausschlaggebende Punkt, mich zum Medizinstudium zu bewerben, weil ich mir dachte: Das kannst Du auch! und du kannst es besser. Später habe ich auch als Notarzt gearbeitet und musste feststellen:
Auch die Rettungsassistenten und Fachangestellten waren in keiner Weise besser als die Kollegen mit der kurzen Ausbildung. Die meisten Intensivschwestern stecken die Ärzte auf den Stationen locker in die Tasche. Ohne deren Wissen, wären alle Assistenzärzte aufgeschmissen.
Machen wir es kurz: Auf Berufsschulen kann man vollständig verzichten. Ein Lehrherr kann wesentlich besser einen Auszubildenden auf die Erfordernisse eines Berufes vorbereiten, als dies die Berufsschule könnte.
Hier bestehen viele Parallelen zum allgemeinen Schulsystem.
Brauchen wir einen Meistertitel oder brachen wie „Meister Ihres Fachs“. Ist ein Gesellenbrief, nicht eher ein Geschäftsmodell als eine Auszeichnung? Was sagt dieses Papier aus?
So mancher Handwerker aus Tansania würde jeden deutschen Gesellen, Meister oder Bachelor alt aussehen lassen, wenn man sie in einem Wettbewerb gegeneinander antreten lassen würde.
Der beste, zuverlässigste und universellste Handwerksbetrieb in Sinsheim zum Beispiel (J.K.) war erheblich talentierter und vertrauensvoller als die Meisterbetriebe. Er war außerdem flexibler und konnte fachübergreifend, Maler, Schreiner, Elektro und Sanitärbelange aus einer Hand lösen.
Sollten wir unser Ausbildungssystem nicht überdenken? Ich kann aus meiner Studienzeit sagen, dass ein großer Teil meiner Vorlesungen reine Zeitverschwendung waren und dass man in kürzerer Zeit bessere Ärzte ausbilden könnte, indem sie ein erfahrener Arzt praktisch ausbildet. Das würde auch viel Einflussnahme aus der Industrie und vor allem aus dem Pharmasektor vermeiden helfen. In Tansania sind zum Beispiel die Krieger der Massai mit 45 Jahren „Rentner“ und von da an, dafür verantwortlich, das Wissen um Heilkunst und Kräuter zu bewahren und weiterzugeben.
Durch Ihre Lebenserfahrung werden sie zu den Richtern und Schlichtern und Ärzten, der jüngeren Generationen. Alles ohne Prüfung, Universität oder Titel.