Kapitel 048

DIE DRITTE ALTERNATIVE

Dr. Bodo SchiffmannGeschrieben Juli–September 2022Originalseiten 229–233
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Einer der wichtigsten Autoren aus den Büchern, die ich gelesen habe, war Stephen R. Covey. Neben seinem Hauptwerk: Die Sieben Wege zur Effektivität – gibt es ein Nachfolgewerk, mit Namen: Die dritte Alternative: Die Inhalte überlappen sich stark mit dem Hauptwerk, aber ich halte es für eine sinnvolle Erweiterung oder Ergänzung zum Vertiefen und lesen. Es geht in diesem Buch darum, dass die meisten Probleme in der Welt nicht an verschiedenen Meinungen, sondern an Missverständnissen liegt. Um das besser zu verdeutlichen: Häufig hören wir einen Satz und interpretieren ihn völlig anders, als ihn der Sprecher gemeint hat. Es geht also um eine, für viele Menschen neue Kommunikationsform, die es von den Teilnehmern fordert, dass sie immer erst, bevor sie etwas erwidern, sich zunächst zu 100% in die Rolle des anderen hineinversetzen. Es setzt voraus, dass man wirklich versucht, den anderen zu verstehen. Nicht die Worte zu hören, sondern den Sinn hinter den Worten zu verstehen. Ob und inwiefern das gelingen kann, kann aber nur der Redner und nicht der Zuhörer beurteilen. Bevor ich also anfange etwas zu erwidern, muss ich erst einmal das eben gesagte spiegeln oder wiederholen, damit der Sprecher verifizieren kann, dass ich ihn nicht nur gehört, sondern den Sinn verstanden habe. Falls das nicht der Fall ist, muss er erst einmal die Missverständnisse aufklären. Bis er sich wirklich offen und verstanden fühlt. Dann wechselt die Rolle und der andere muss zuhören, wobei hierbei mitunter schon eine Entspannung in das Gespräch kommt, wenn man merkt, dass der andere gar nicht so weit von den einzelnen Zielen entfernt ist. Jetzt geht es darum nicht die Unterschiede, sondern die gemeinsamen Ziele zu definieren und zu beschließen, dass man eine Lösung findet, die

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anders ist, als die beiden Positionen, aber besser für beide Seiten, als die Einzelalternativen. Es geht ausdrücklich nicht um einen Kompromiss oder darum, dass einer gewinnt. Das Ziel muss sein, dass man eine neue Lösung gemeinsam sucht, für die gemeinsam, neu definierten Ziele. Diese Herangehensweise setzt eine neue, offene Gesprächskultur voraus, die man z.B. in den Schulen und Universitäten als wichtigstes Fach lehren muss und in Rollenspielen festigen kann. Aktuell laufen die Gespräche eher nach dem Motte Bundestagssitzung ab. Der Abgeordnete A hält eine Rede, die er meist noch nicht einmal selbst erstellt hat, sondern von einem Schreiber vorgefertigt erhält. Der Abgeordnete B hört in dieser Zeit nicht zu, sondern daddelt an seinem Handy herum. Während der Abgeordnete C nur überlegt, welche schlagfertigen Zwischenrufe oder Erwiderungen er verwenden Könnte.

Am Ende hat niemand verstanden, was der Abgeordnete A überhaupt sagen wollte, geschweige denn, er selbst hat begriffen, was sein Redenschreiber für ihn ausgearbeitet hat. Es entsteht damit weder ein Dialog, noch eine Diskussion, sondern eine Folge von unreflektierten Monologen. Die moderne Technik, insbesondere die Smartphones sind sicherlich der Sargnagel der Kommunikationskultur geworden. Als ich Kind war, waren Bundestagsdebatten noch sehr emotional und auch von direkten Reaktionen geprägt. Auch in anderen Parlamenten wie in England lässt sich diese noch im Ansatz beobachten. Für den Bundestag (so man ihn noch wünscht), würde ich daher ein komplettes Kommunikationsverbot mit elektrischen Geräten verhängen. Ferner müsste jeder Abgeordnete anwesend sein, in der Sitzung oder er bekommt den fehlenden Arbeitseinsatz vom Gehalt abgezogen. Wenn er ständig abwesend ist verliert er sein Mandat.

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Stellen wir uns doch einmal vor, der Abgeordnete der Opposition müsste die Seite der Regierung so wiedergeben, dass diese sich verstanden fühlen und umgekehrt. Sie würden nicht zum Reden kommen, wenn sie sich keine Mühe geben aktiv zuzuhören. Sie müssten sich so zwangsläufig mit dem gesagten Beschäftigen und könnten sich nicht mehr rausreden, dass Sie etwas noch nie gehört hätten, wenn Sie selbst das gesagte Reproduzieren müssten. Auch der Redner würde sich immer mehr Mühe geben, damit er nicht jedes Mal auf neue seinen Standpunkt erklären müsste. Dieses Vorgehen unterstützt aktiv eine Selbst- und Fremdreflektion mit dem gesagten und hilft die Inhalte gemeinsam zu erarbeiten. Ich bin davon überzeugt, dass die meisten Probleme in der Welt, nicht nur in der Politik, sondern auch im privaten Umfeld dadurch hervorgerufen werden, dass Menschen sich im wahrste Sinne des Wortes nicht verstehen, selbst wenn sie Partner und Freunde sind. Sie hören nicht aktiv zu. Sie könnten die Gesprächsinhalte nicht wiedergeben und sie versuchen ausschließlich ihre eigene Position durchzubringen, um einen Kampf gegen einen vermeintlichen Gegner zu gewinnen. Es liegt ihnen nicht an neuen, gemeinsamen Lösungen, die für beide ein Gewinn wären, weil sie blind und taub für andere Meinungen und Perspektiven geworden sind. Ich möchte jedem, der dieses Kapitel gelesen hat, empfehlen, sich mindestens die dritte Alternative als Buch oder Hörbuch zu besorgen oder die sieben Wege zur Effektivität. Diese Bücher sind eine gelungene Sammlung, das eigene Leben weg von einem Mangel Denken, zu einem Überflussdenken hin zu verändern und helfen, eine neue Gesprächs- und Verständniskultur zu entwickeln. Für mich ist „die dritte Alternative“ eines der wichtigsten Werke, die ich je gelesen habe. Ich würde mir wünschen, ich hätte derartige Literatur in der Schule oder dem Studium gelehrt bekommen und gelernt so zu Leben.

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Man nennt diese Art der Gesprächsführung auch Talking – Stick Verfahren, weil die Massai in Tansania genau diese Technik verwenden und dabei einen Talkingstick benutzen. Solange der Redner des Stab vor sich hält, muss jeder zuhören und darf nicht stören. Bevor er den Stab weiterreicht, muss der nächste Redner zeigen, dass er den Vorredner verstanden hat, sonst bekommt er den Stab nicht weitergereicht. Nur weil ein Mensch nicht Deiner Meinung ist, heißt es nicht, dass es Dein Feind wäre. Er hat nur eine andere Wahrnehmung des gleichen Sachverhaltes, weil er eine andere Erziehung als Du hat, andere Erfahrungen im Leben gemacht hat und vielleicht andere Überzeugungen oder Philosophien oder Religionen hat, die ihn prägen. Vielleicht hat er auch durch Krankheit, Heilung, Reichtum oder Armut einen anderen Blick auf die Umstände entwickelt, die zum Streitpunkt werden. Lernen wir lieber, voneinander zu lernen als gegeneinander zu streiten.

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