Kapitel 082

DEINE KINDER HABEN EIN RECHT AUF KINDHEIT

Dr. Bodo SchiffmannGeschrieben Juli–September 2022Originalseiten 408–413
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Wir erziehen unsere Kinder zu kleinen Erwachsenen. Wir zerstören schon sehr früh jede Form von Kreativität, wir wundern uns über die Abhängigkeit der Kinder von mobilen Endgeräten und ärgern uns darüber, dass sie keine Umgangsformen mehr haben. Dabei geben wir uns doch so viel Mühe mit unseren Kinder, erfüllen alle Wünsche. Überwachen sie doch bei Schritt und Tritt und passen auf wie die Adler, dass Sie sich nicht auf dem Spielplatz verletzen oder im Wald abseits der Wege gehen. Wir tun doch wirklich alles, damit sie sich nicht verletzen können. Wir lassen sie nicht unbeaufsichtigt in der Küche ein Essen zubereiten oder mit gefährlichen Werkzeugen allein ein Baumhaus bauen. Wir kaufen Ihnen lieber ein perfektes, sicheres Gartenhaus aus dem Baumarkt und bauen für sie einen Designer -Spielplatz. Wir begleiten sie beim Fahrradfahren, genauso wie beim Abenteuerausflug in den Wald und achten darauf, dass sie sich immer die Hände waschen und auf keinen Fall die Finger in den Mund stecken, nachdem sie im Sandkasten waren. Wir kaufen für alle Freunde eine eigene Cola, damit sie nicht aus der gleichen Flasche trinken und sie müssen auch keine eigene Limonade herstellen, sondern wir sorgen dafür, dass immer neue im Keller bereitsteht. Warum sind dann aber unsere Kinder so schlecht erzogen? Vielleicht hat die Schule und der Kindergarten in der Erziehung unserer Kinder so extrem versagt? Möglicherweise brauchen wir eine extra Benimm Stunde in der Schule, damit unsere Kinder wieder so werden, wie wir sie uns wünschen?

Zusammengefasst: Wir haben die Kindheit unserer Kinder zu Tode reglementiert und verboten. Kinder können und dürfen keine Fehler mehr machen und sollen keine schmerzhaften Erfahrungen machen. Sie

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haben sich wahrscheinlich bis zum 18 Geburtstag weder geschnitten noch verbrannt und werden dann als Erwachsene auf die Menschheit losgelassen, ohne ein eigenes Gefühl für Gefahr oder Sicherheit entwickelt zu haben. Wir waren keine Vorbilder, an denen man sich orientieren kann, sondern Aufseher in einem Freiluftgefängnis.

Man kann in Tansania sehr gut beobachten, wie Kinder früher groß gezogen wurden. Die Kinder sind immer dabei, man kann 5-jährige mit Messern hantieren sehen, die fast genauso groß sind, wie das Kind selbst. Ältere Kinder übernehmen die Verantwortung für jüngere Kinder. Die Kinder sind in jedem Alter, bei allem, was passiert, dabei. Sei es um Essen zubereiten oder Kühe hüten. Sie lernen von den Erwachsenen, häufig ganz ohne Schule und arbeiten einfach immer mit, soweit sie das können. Es war in Europa früher nicht anders, selbst in meiner Generation hatten wir alle Freiheiten, Dummheiten zu machen. Wie können wir von unseren Kindern erwarten, dass sie bitte und Danke sagen, wenn wir das selbst nicht tun. Wie sollen unsere Kinder Kreativität lernen, wenn wir selbst nicht lesen, schreiben, malen oder basteln. Wie sollen sie zuhören lernen, wenn wir Ihnen nicht zuhören und wenn wir Ihnen nicht vorlesen. Wie können sie Fantasie entwickeln, wenn sie keine Geschichten hören, sondern stattdessen Fernsehen schauen oder Netflix streamen. Lernen und erziehen bedeutet beobachten, nachmachen, Wissen weitergeben. Im Englischen sagt man „See on, do one, teach one” Also: zusehen, mitmachen, lehren. Wo kein Meister, da kein Schüler.

Kinder, die unter ständiger Kontrolle sind, können sich nicht entwickeln. Sie sollten aus Fehlern und aus Ehrgeiz und Neugier lernen.

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Solange ein Kind noch nicht laufen kann, wird es von den Eltern gefördert und motiviert immer wieder aufzustehen, bis es endlich laufen kann. Wenn es dann aber läuft wird es in Watte gepackt und jede Bewegung wir akribisch überwacht. Auf diese Weise können die Kinder aber weder Ihre eigenen Grenzen kennenlernen, noch lernen Verantwortung für sich und andere zu übernehmen. In unserer Generation hatten wir einen großen Vorteil. Es gab weder, Handys noch Ortungsgeräte, noch 24h Fernsehen. Als ich Kind war gab es weder Videorecorder noch DVDs und erst Recht kein Streaming. Dafür war ich gern gesehener Gast, bei unserem örtlichen Unfallchirurg, der immer wieder mal eine Platzwunde zunähen musste.

In den Industrienationen ist es seltener geworden, dass die Kinder die Gewerke der Eltern übernehmen und diese immer weiterentwickeln. Nicht umsonst sind viele Familiennamen aus dem Beruf der Familie (nicht einer Person) entstanden. Schäfer, Müller, Metzger, Schreiner, Koch erfordern nicht viel Fantasie, um herauszufinden, welchen mit Sicherheit langjährigen Beruf diese Familien ausgeübt haben. Die Entfremdung zwischen den Generationen hat dazu geführt, dass man eher zu einem anderen Beruf neigt als die Eltern. Die Eltern haben den Kindern nicht das Handwerk so gelehrt, dass die Kinder es weitergeführt haben, wahrscheinlich weil sie nicht bei der Arbeit dabei waren und damit keinen Urbezug herstellen konnten. Ist etwas falsch daran die Kunst der Familie von Generation zu Generation weiterzuentwickeln und zu verbessern? Oder ist es der Fehler gewesen, die Kindererziehung an andere und insbesondere staatliche oder kirchliche Institutionen weiterzugeben. Meine Eltern waren bei uns drei Kindern der Meinung wir sollten nicht in den Kindergarten gehen und lieber zu Hause spielen. Sie meinten die Kindergärten seien sozialistische Einrichtungen. Aus heutiger Sicht, war

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da möglicherweise was Wahres dran und sie haben unbewusst gemerkt, dass hier die natürliche Entwicklung gestoppt wird.

Als Kinder fanden wir es doof, denn alle anderen Kinder der Nachbarschaft waren ja vormittags im Kindergarten und wir waren dann allein und mussten uns selbst beschäftigen ohne ein Bespassungsund Unterhaltungsprogramm durch die Kindergärtnerin. Mein Opa hat viel mit uns unternommen und ist mit uns in die Natur gegangen, hat Schmetterlinge gefangen und Pflanzen bestimmt. Bis zum Jahr 2020 habe ich die Einstellung meiner Eltern nicht gut gefunden und abgelehnt. Heute würde ich mir wünschen alle Kinder wären wieder zu Hause in einer Familie, würden mit Nachbarkindern zusammen draußen spielen, hätten weder einen Fernseher noch eine Spielekonsole oder ein Handy und auch keinen Kindergarten, in dem sie ja im Grunde nur abgestellt wurden. Sie hätten Freundschaften in der Nachbarschaft im Ort. Sie würden mit Ihren Eltern basteln und spielen oder ihnen nachmachen zu lesen oder zu schreiben, zu malen oder zu basteln. Mein Vater hat sehr viel mit Holz geschreinert, mir fehlte dazu, im Gegensatz zu meinem handwerklich mehr begabten großen Bruder, der Zugang. Von mir aufgebaute Regale waren weder gerade, noch stabil, mein Bruder dagegen hat das Können meines Vaters übernommen und verbessert. Mein Opa konnte sehr gut malen und hat viele Tagebücher geschrieben und die Freude am Schreiben habe ich sicherlich mit von ihm übernommen, weil ich ihn immer dabei beobachten konnte.

Auch bei meiner Frau war der Besuch des Kindergartens nicht „erlaubt“, bei unseren Kindern haben wir dann natürlich den Besuch des Kindergartens erlaubt - aber mit Abstand betrachtet, war das ggf. ein Fehler.

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Ich habe genauso wenig gerne Langeweile wie ein Kind oder ein anderer Mensch. Aber ich habe gelernt die freie Zeit immer mit Aktivität zu füllen und ich werde in diesen Fällen immer noch und wieder kreativ. Ich hatte niemand der mich in dieser wichtigen Entwicklungsphase unterhalten (unten gehalten) hat. Für Abwechslung musste ich schon selbst sorgen. Ich glaube, ich hatte dadurch gegenüber der aktuellen Generation einen deutlichen Vorteil.

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