Kapitel 081

ICH SEHE DICH

Dr. Bodo SchiffmannGeschrieben Juli–September 2022Originalseiten 402–408
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Ich habe zwei Kinder, wie ich schon mehrfach erzählt habe. Kinder führen einem immer wieder vor Augen, wie wichtig es für den einzelnen ist, gesehen zu werden. Wertschätzung zu erhalten, für das was er getan hat. Meine Tochter erinnert uns manchmal daran, dass sie so hart Leichtathletik trainieren würde, wir ihr aber nur zuschauen würden, wenn sie uns darum bittet und wenn sie „eine Vorstellung“ machen. Gerade das Phänomen „Vorstellung“ kennen vielleicht viele Eltern. Immer wenn (meine Tochter mehr als mein Sohn) Besuch hatten, wurde für eine Vorstellung trainiert, die wir als Eltern dann bestaunen durften, gerne gemeinsam mit den anderen Eltern, die ihre Kinder wieder vom Besuch abgeholt haben. Teilweise gab es noch Eintrittskarten, um zur Vorstellung zugelassen zu werden. Ich versuche mich im „normalen Alltag“ immer wieder an dieses Phänomen zu erinnern und Menschen meine Aufmerksamkeit zu schenken, denen sonst niemand oder zu wenige die Aufmerksamkeit schenken. Auch bei den Erwachsenen erkennt man immer wieder staunend, wie wichtig Ihnen die Anerkennung ist und wie sehr sie sich freuen. Wann hast Du das letzte Mal zu einer Reinigungskraft in der Toilette gesagt, wie großartig sauber sie die Toilette hält? Hast Du Dich bei einem Pförtner bedankt, weil er Dir das Tor öffnet oder bei einem Gärtner in städtischen Anlagen dafür, dass er die Anlage so schön grün hält. Wenn Du jetzt denkst, das mache ich doch immer, dann bist Du dem Gros der Menschen mehr als einen Schritt voraus. Wie geht es Dir selbst, wie ist es in der Beziehung? Wann hast Du Deinem Partner das letzte Mal gesagt, dass er schön ist. Wann Deinen Kindern, dass Du sie liebst und wann hast Du Deiner lieben Frau den letzten Blumenstrauß geschenkt, abseits von Geburtstag oder Valentinstag. Wann hast Du einem Kellner außer mit Trinkgeld gesagt, dass er Deinen Restaurantbesuch zu einem besonderen Erlebnis

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gemacht hat, durch sein Lächeln oder die Höflichkeit, mit der er Dich bedient hat. Magst Du es gelobt zu werden? Findest Du es gut, wenn das, was Du tust eine Wertschätzung erhält? Möchtest Du, als Bäckereifachverkäuferin, manchmal hören, wie toll es war, dass Du dem Kunden geholfen hast aus dem, „3 von dem da!“, ein Einkaufserlebnis mit „meinen sie die knackigen Sonnenblumenbrötchen“ gemacht zu haben? Dann schmeckt das Frühstück viel besser. Sag doch mal zu einer Fleischereifachverkäuferin, dass sie so schön lächelt oder bedanke Dich einfach für Ihre Arbeit. In der Region, in der ich in Afrika wohne, kennen mich sehr viele Menschen. Weil ich sie anlächle, kurz anhalte und Ihnen einen schönen Tag wünsche oder Ihnen zuwinke. Es fällt hier leicht, denn auch wenn man das nicht kennt, werden es einem die Menschen hier beibringen. Gestern war ich mit Gästen in Arusha in der Stadt einkaufen. Auf dem Rückweg stellte sich ein Polizist in den Weg und hat uns raus gewunken. Meine Gäste sagten: „Shit, was will der denn“: ich lächelte und dachte mir: „Ihr werdet Euch wundern.“ Ich halte also meinen Wagen an, öffne das Fenster und sage freundlich: „Hallo Bruder, wie geht es Dir wie ist Dein Tag?“ Er sagt: „Mir geht es gut, was machst Du, wo kommst Du her und fährst Du hin?“. Ich antworte: „Ich war mit Freunden in Arusha und fahre jetzt zurück nach Hause“. Er lächelt und wünscht mir eine gute Fahrt.

Meine Freunde schauen mich ratlos an: Was war das denn? Ich erkläre Ihnen, dass Polizeikontrollen, wenn man nichts gemacht hat, hier immer so ablaufen und dass sie gerade bei Weißen sehen möchten, ob man sich bemüht die Landessprache zu sprechen. Wenn man das tut, freuen sie sich: Wenn nicht, bekommt man immer ein paar Unterrichtsstunden in Swahili. Es ist den Menschen wichtig, dass wir Ihre Kultur und Sprache sprechen, sie helfen uns gerne dabei sie zu erlernen. Sie sind fröhlich,

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wenn sie als Volk und Land nicht nur gesehen werden, sondern man ein Teil davon werden möchte.

Dann sagen sie auch mal: „Willkommen, bleib für immer hier. Tansania ist wundervoll, Du bist mein Bruder. Hast Du schon gesehen wie schön der Berg: „Meru“ ist. Gott schütze Dich“

Überhaupt spielt es hier eine große Rolle, freundlich zu lächeln. Die „Locals“ sind irritiert, wenn man sie nicht grüßt, wenn man nicht Zeit für eine Minute Smalltalk investiert. Ihnen ist es wichtig, dass der andere sich gut fühlt. Sie interessieren sich dafür wie man reagiert und versuchen zu helfen, wenn sie merken, dass man unglücklich ist.

Mein Opa (der mich sehr geprägt hat), hat mich gelehrt, was einen Gentleman ausmacht. Dazu gehört genauso, der Dame den Vortritt zu lassen, wie deren Rechnung im Restaurant zu übernehmen, wie ihr die Tür aufzuhalten oder in den Mantel zu helfen. Ich habe danach immer gelebt, weil ich es gut finde. Er ist jeden Tag spazieren gegangen, hat immer seinen Hut gezogen, sich leicht verbeugt, gelächelt und dann ein paar Worte gewechselt mit den Menschen, die er gerade zufällig getroffen hat. Er hätte die Menschen in Tansania geliebt. Er wäre sehr traurig gewesen, in welches tiefe Loch des Egoismus und der Ignoranz die westliche Gesellschaft gestürzt ist. An anderer Stelle des Buches spreche ich über den „Ujamaa“ den Gesellschaftsbaum der Tansanianer, der zeigt, wie alles miteinander verbunden ist und dass es niemand in der Gesellschaft gibt der unwichtig wäre, und das ein jeder den anderen mitträgt, egal an welcher Stelle er sich befindet. Leider sehen die meisten Menschen nur die Fehler und Schwächen der anderen Menschen. Berufe und Tätigkeiten sind selbstverständlich und man meckert, wenn die Toilette leicht dreckig ist, aber findet kein

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nettes Wort, wenn sie sauber ist, denn das ist ja schließlich der Job und sie bekommen ja Geld dafür. Ist das wirklich selbstverständlich? Wirst Du selbst nicht gerne gelobt? Freust Du Dich nicht überein. „Gott schütze Dich“ oder ein „Ich wünsche Dir einen großartigen Tag“. Fängt Glück, Gerechtigkeit und selbst gesehen werden, nicht dabei an, sich selbst zu reflektieren und die Gegenüber genauso zu behandeln, wie man selbst gerne behandelt werden möchte? Was macht uns selbst in unseren Augen besser als jemand anderen. Du denkst: So bin ich nicht? Frage Dich selbst, ob das stimmt. Vielleicht stimmt es, dann bist Du ein Mensch, den ich mir in der Zukunft wünsche und vorstellen kann. Bin ich besser als Du? Ist mein Beruf (Arzt) wertvoller als Deiner. Fangen wir bei mir selbst an: Ich glaube Arzt ist ein Lehrberuf wie Bäcker oder Maler. Ich bin nicht Arzt geworden, weil ich gerne mit einem weißen Kittel rumstolzieren wollte und von den Menschen mit Herr Doktor angesprochen werden will. Ich lege sehr wenig Wert auf diesen Titel und hätte ihn wahrscheinlich nicht, wenn ich nicht von unserem Chef dazu gezwungen worden wäre. (Ich meine das so, wie ich es sage. Er hat uns untersagt weiter zu operieren, wenn wir nicht eine Doktorarbeit haben, und diese fertigstellen würden. Ich habe sie dann innerhalb von zwei Wochen zusammengeschustert und sie ist sicher ein verzichtbares Werk auf diesem Planeten, dadurch durfte ich aber schnell wieder in den OP, um meinen OP-Katalog fertig zu stellen. Auch das muss man sich klar machen. Damit man am Ende als Chirurg arbeiten darf und seine Prüfung ablegen kann, muss man eine gewisse Anzahl an Patienten operiert haben. ALSO: Je mehr Patienten ich aufschneide, desto besser komme ich in meiner Ausbildung voran. Ich habe es mehrmals abgelehnt Patienten zu operieren, weil ich die Operation für überflüssig gehalten habe. Daraufhin wurde die unnötige Operation von jemand anders gemacht,

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der einen weiteren Strich in seine To-Do Liste gemacht hat. Mir hat zwar die Operation in meinem Operationskatalog gefehlt, aber ich habe unnötige Operationen abgelehnt. Habt Ihr gewusst, dass das so läuft? Warum bin ich also Arzt geworden? Ich habe nach der Schule meinen Zivildienst im Rettungsdienst beim DRK in Worms abgeleistet. Nach den 20 Monaten Zivildienst habe ich dort als hauptamtlicher Rettungssanitäter / Rettungsassistent weitergearbeitet und würde dies vielleicht heute noch tun, wenn nicht viele Hausärzte, Notärzte und Ärzte im Allgemeinen eine derartige gefährliche Inkompetenz an den Tag gelegt hätten, dass ich gedacht hab: „Das kannst Du selbst besser.“ Also habe ich mich zum Medizinstudium beworben. Wenn die Geschichte interessiert, kann dazu auch gerne meine Autobiographie „Die schlimmste und die beste Zeit in meinem Leben“ lesen. Wo ist der Unterschied zwischen einem Busfahrer und einem Piloten und einem Zugführer? Was Unterscheidet den Arzt vom Koch und vom Mitarbeiter der Kläranlage? Wo ist der Unterschied zwischen einem Lehrer, einer freien Kindergartenmitarbeiterin oder dem Pfadfindergruppenleiter? Bei objektiver Betrachtung wenig bis gar nichts. Wenn der Pilot sein Flugzeug nicht im Griff hat, sterben genauso die ihm anvertrauten Passagiere wie im Bus, der Straßenbahn, Taxi oder Zug. Wenn der Koch, der Trinkwasserlieferant oder der Arzt das falsche Verabreichen sterben Menschen, in einem Altersheim zum Beispiel gleich viele auf einmal. Lehrer, Kindergartenmitarbeiter und Gruppenleiter können einen permanent bleibenden Schaden bei Ihren Schutzbefohlenen anrichten. Die Gehälter dagegen sind ungerechtfertigter Weise in keinem Verhältnis zur Verantwortung mehr. Ist nicht jeder Teil einer Uhr genauso wichtig. Läuft die Uhr noch, wenn das kleinste Zahnrad ausgebaut wird? Mehr zu diesem Thema erfährst Du im Kapitel „Wer darf wieviel verdienen, wieviel ist angemessen“

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Daran schließt sich die Frage an: Verdiene ich mehr Luxus als Du? Was ist eigentlich Luxus. (Siehe auch das Kapitel: Habe ich andere Rechte, weil ich studiert habe? Das hängt weniger mit dem Studium als mit dem Wissen zusammen. Es ist sicher keine gute Idee, wenn ein Arzt ohne Flugschein sagt, auch er habe das Recht eine Boing 747 zu fliegen. Ich wollte auch ungerne meinen Blinddarm von einem Heizungstechniker herausoperiert bekommen und ein Fischer sollte auch keine Hochstromleitungen reparieren. Aber jeder sollte das Recht haben, seinen Beruf frei zu wählen. Ob dieser dann zu ihm passt und ob der Herausforderungen, die der Beruf bietet auch erfüllen kann, wird die Praxis weit besser zeigen als das Zeugnis. Es gab schon häufig Hochstapler die gerne Arzt sein wollten und diesen Beruf nicht ergreifen konnten, wegen Schulnoten oder anderen Dingen. Sie haben Zeugnisse und Lebenslauf gefälscht und dann als Arzt gearbeitet. Sie waren sehr gut und erfolgreich und gewissenhaft in ihrer Tätigkeit. Irgendwann fiel ihr Betrug (meistens durch einen Neider) auf und sie wurden enttarnt, dann angeklagt und verurteilt.

Was hat man gewonnen? Man hat die Status und Starallüren von Akademikern gestärkt und einen guten Art verloren. Ein Praktiker, ohne ein künstlich verlängertes Studium, der sehr effektiv gearbeitet hat. Sollte man diesen Personen nicht eher den Beruf h.c. übergeben und ihn damit beauftragen die Ausbildung zu überarbeiten? Denn man könnte, und das sage ich als bekannter Mediziner, das Studium erheblich verkürzen und die Qualität der Medizin verbessern. Nach den Jahren 2020 bis 2022, gilt dies sicher auch für Jura und andere Fachbereiche, weil viele Laien aus der Bewegung mehr von Recht und Gesetz und Medizin im Eigenstudium gelernt haben als ihre „studierten Berufskollegen“ die nicht über den Tellerrand hinaus denken können.

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