DIGITALE SKLAVEN & DIGITALER FRIEDHOF
Hast Du ein Handy? Weil lange schaffst Du es nicht darauf zu schauen. Du glaubst das wäre kein Problem? Versuch es: Wichtig. Du nimmst Dein Handy aufgeladen mit. Du hast es in der Hosentasche, aber Du darfst nicht draufschauen, auch nicht um die Uhrzeit oder das Datum zu kontrollieren. Wann wirst Du nervös. Es piepst. Es vibriert, aber Du darfst es nicht bedienen. Schaffst DU es einen Tag, eine Woche, einen Monat? Das wichtige bei diesem Versuchsaufbau ist, dass DU das Handy dabeihast und es eingeschaltet ist. Wenn Dir langweilig ist, darfst Du es nicht benutzen. Auf der Fahrt zur Arbeit in der Bahn, Bus oder Zug. Darfst DU es nicht benutzen und du musst Passanten nach dem Weg fragen. Kennst Du Deine Telefonnummer noch auswendig Aber wo willst du telefonieren, die Telefonzellen gibt es kaum noch.
Mobiltelefone als Massenware gibt es erst seit ca. 30 Jahren. Vorher hatte der Normalbürger kein Telefon und keinen Organizer. Wie oft wolltest Du es heute rausnehmen, draufschauen, Zeit totschlagen. Nach ein paar Tagen, vermisst du es weniger, irgendwann gar nicht mehr. Fehlt es Dir?
Wenn wir unseren Kindern als erzieherische Maßnahme den Zugang zu elektronischen Medien verwehren, verändern sie sich. Sie finden zu ihrer Kreativität zurück, sie fangen an sich zu bewegen, Sport und Spiele zu machen und beginnen zu erzählen und zu lachen.
Leider sind diese Elektronischen Fallen aber auch die Verbindung zu ihren Klassenkameraden geworden und im Fall der Schule haben sie Bücher, Hefte und Schulsachen weitgehend ersetzt. Ich finde das falsch.
Der negative Einfluss der elektronischen Begleiter tut weder mir, noch meinen Kindern noch anderen Menschen gut, aber wir erlauben den Geräten, nach und nach die Kontrolle über uns zu übernehmen.
Auch hier in Tansania lässt sich das sehr gut beobachten. Tansania ist Europa ca. 30 Jahre hinterher. Viele Menschen haben einfache Mobiltelefone, wenige haben Smartphones. Die Internetkosten sind hoch und nicht jeder kann es sich leisten Messenger, oder Browser zu bedienen. In den Straßen sitzen die Menschen in Gruppen zusammen, flechten sich die Haare, spielen Mühle oder andere Spiele, basteln gemeinsam an ihren Fahrzeugen oder unterhalten sich.
Ab und an sieht man eine Person abseits, alleine, den Kopf nach vorne gebeugt und die Augen auf ein Display gerichtet. Die Besitzer der Smartphones sind nicht länger ein Teil des gemeinschaftlichen Lebens, sie sind Gefangene ihrer Geräte. Die modernen Geräte befehlen ihren Besitzern sogar, wann sie aufstehen sollen, um Sport zu machen. Sie geben ihnen vor, wann es Zeit ist sich zu bewegen und andere „Activitiy’S“ Sie vertrauen dem Gerät als Gegenleistung ihr Gewicht, Herz und Atemfrequenz und Ihre Ernährung an. Das Smartphone übernimmt die Partnerwahl und in Frage kommende Subjekte werden mit Wischgesten auf dem virtuellen Partnermarkt im Sekundentakt ausgewählt oder abgelehnt.
Man lernt sich nicht mehr kennen. Man schaut nicht mehr auf die Seele und da lachen und in die schönen Augen. Man wird nicht mehr verzaubert, sondern die Intelligenz des Smartphones schlägt einem den geeigneten Partner zur Paarung vor.
Den ganzen Tag machen wir wunderschöne digitale Bilder und zeigen sie auch unseren Freunde. Die Kamera im Smartphone macht uns dabei schöner als die Natur uns gemacht hat und beseitigt mühelos Haut Unreinheiten und Falten. Auch die grauen Schläfen verschwinden automatisch. Die Bilder liegen sicher in der Cloud und wir haben alle dabei. Beim kleinesten Anflug von Langeweile, können wir uns dann unser digitales Bilderalbum anschauen. Besser noch: Unser Smartphone erstellt automatisch Filme zu verschiedenen Themen oder Daten und wir können täglich unsere eigene Diashow anschauen, mit
uns in der Hauptrolle und die Erlebnisse der Vergangenheit Revue passieren lassen.
Was aber passiert mit den Bildern, wenn wir durch einen Unfall eine Schädigung der Erinnerung haben und uns nicht mehr an unser Passwort erinnern. Wie hilfreich wären jetzt die Bilder, die man früher noch ausgedruckt aus der Drogerie geholt hat, nachdem die Filme entwickelt waren. Kistenweise Fotos fanden sich in jeder Wohnung und in jedem Haus. Man konnte die Bilder herumreichen und manchmal fand man diese Schätze, nachdem ein geliebter Mensch gestorben ist als Hinterlassenschaft in einer Ecke des Kleiderschrankes, als man die Wohnung aufgelöst hat. Dann saß man mit den anderen zusammen und hat gelacht und geweint über diesen unerwarteten Fund. Die Ausgedruckten Bilder bleiben ein Leben lang erhalten.
Die digitalen Daten, Tagbücher, Filme, Fotos werden auf dem digitalen Friedhof mit zu Grabe getragen. Im Gegensatz zu früher kommen sie aber in den Himmel.
Denn Sie sind ja schon in der Cloud.