Kapitel 046

Anselm Lenz

Dr. Bodo Schiffmann2. Auflage · September 2021Originalseiten 182–185
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Anselm ist wie ein Mensch aus einer anderen Zeit. Er erinnert mich immer an die Comedian Harmonists. Wie die meisten Menschen, über die ich in diesem Buch schreibe, war er mir früher auch nicht bekannt. Er fiel auf durch die Hygienedemonstrationen am Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin. Ein junger, drahtiger Mann, der Grundgesetze an andere Menschen verteilte – weit bevor ich wirklich realisierte, wie stark unsere Grundrechte schon eingeschränkt wurden.

Anselm gilt als Linker, ist also keiner, dem man die üblichen rechten Verschwörungstheorien zuordnen kann. Er passte nicht ins Bild. Das war interessant. Auch über ihn bekam ich nähere und bessere Informationen von meinem Freund Hardy Groeneveld, von dem ich ja schon erzählte. Anselm gehörte zu den ersten Menschen, die Polizeigewalt erfuhren, weil sie die Regierungsmaßnahmen kritisch hinterfragten und auf die Grundrechte der Bundesrepublik Deutschland Wert legten. Ich verstand das nicht. Ich sprach mit vielen Menschen über ihn und im Juni in Düsseldorf hatte ich das Vergnügen, ihn das erste Mal persönlich zu treffen. Gemeinsam mit Daniele Ganser und Jens Lehrich. Wir waren zu einer Talkshow angereist und lernten uns abends in einer Pizzeria kennen. Wir verbrachten noch viel Zeit im Foyer des Hotels und unterhielten uns lange. Am nächsten Morgen wurde ich das erste Mal von ihm interviewt. Anselm ist unglaublich intelligent und er hat hohe journalistische Ansprüche an sich selbst. Ich empfinde ihn als eher bescheiden und zurückhaltend. Er ist niemand, der Gewalt gutheißt, aber er ist bereit zu kämpfen. „Demokratischer Widerstand“ ist eine beeindruckende Zeitschrift. In Eigenregie schaffte er es, eine Auflage zu erreichen, von denen die meisten Zeitschriften nur träumen können. Er baute innerhalb kürzester Zeit aus dem Nichts ein eigenes Vertriebs- und Verteilungskonzept auf und versorgt die Menschen regelmäßig mit kritischen Artikeln zur aktuellen Situation, nicht nur in Bezug auf Corona. Ich bin tief beeindruckt von diesem höflichen, gebildeten, zurückhaltenden, klugen Menschen.

Er spielt keine Rolle, deswegen fällt er auch manchmal aus der Rolle und schießt über das Ziel hinaus. Das macht ihn sehr sympathisch und menschlich. Er möchte eine echte Demokratie, freie Menschen und Entscheidungen. Insbesondere möchte er aber freien Journalismus. Es ist schwer vorzustellen, was ein Verbrechen daran sein soll,

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Grundgesetze zu verteilen oder friedlich zu meditieren und auf dem Rosa- Luxemburg-Platz in Berlin zu sitzen. Dennoch waren es die ersten Demonstrationen, die man massiv einschränkte und gegen die man polizeilich mit Gewalt vorging. Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: Menschen demonstrieren für das Grundgesetz, und die Polizei, die sich ihrem Amtseid entsprechend schützend daneben setzen müsste, verbietet das Tragen eines Exemplars des Grundgesetzes. Das Vorzeigen eines Grundgesetzes wird von der Polizei in der Bundesrepublik Deutschland als Straftat gewertet. Niemals wurde von „Demokratischer Widerstand“ etwas Undemokratisches verlangt. In Berlin, einer lange, bis 1989 geteilten Stadt, sitzen Menschen auf einem geschichtsträchtigen Platz und meditieren in Ruhe. Vor ihnen liegt das Grundgesetz. Diese Demonstrationen finden nicht den Gefallen der Regierung. Im Grunde genommen sagt das schon alles. Es ist die Perversion der Meinungsfreiheit, es ist ein Schlag ins Gesicht aller Demokraten. Und es ist die Zersetzung der Grundrechte. Anselm gehört zu den Menschen, die den meisten Mut bewiesen, weil sie als erste auf die Straße gingen. Er ist sich seiner Pflicht bewusst, das Grundgesetz und die Meinungsfreiheit zu schützen. Er ist bereit, sich selbst dafür zu opfern. Er war der erste, dem man die Konten kündigte, und soweit ich es weiß, war er auch der erste, der verhaftet wurde, weil er sein demokratisch garantiertes Grundrecht zu demonstrieren in Anspruch nahm.

Abbildung aus dem Buch, Originalseite 183
Originalseite 183 · Zum Vergrößern auf das Bild klicken

Anselm Lenz (rechts) mit Daniele Ganser (links) und Rolf Karpenstein

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Ich bewundere ihn. Wir haben unterschiedliche Meinungen und Auffassungen darüber, wie es in unserem Land weitergehen soll. Wir wissen allerdings beide, dass es nicht so weitergehen kann, wie es 2020 begonnen hat. 2021 wird eine Veränderung bringen und wir werden gemeinsam überlegen müssen, wie wir die Welt neu gestalten. Dafür sind Menschen wie Anselm Lenz unverzichtbar. Ich möchte allen danken, die mit ihm zu den Hygienedemonstrationen gingen und ihr Gesicht zeigten für die Demokratie in Deutschland.

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