Kapitel 024

Ich gehe nicht auf Demos

Dr. Bodo Schiffmann2. Auflage · September 2021Originalseiten 111–114
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Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. Ralf Ludwig ist ein alter Linker. Er war früher bei der Antifa, er hat keine Berührungsängste vor Demonstrationen und Protesten. Ich bin ein Langweiler. Die einzigen Demonstrationen und Proteste, die ich begleitete, waren als Sanitäter oder als Notarzt, um Verletzte zu behandeln, wenn es zu Ausschreitungen kam. Ich arbeitete in Worms und dort gab es sehr viele Skinheads. Es kam regelmäßig zu Schlägereien, Schießereien oder Messerstechereien. Ich behandelte als Notarzt mit Schutzhelm auf Neonazi-Kundgebungen Verletzte auf allen Seiten. Auf Seiten der (echten) Antifa, auf Seiten der (echten) Nazis und natürlich auf Seiten meiner lieben Kollegen von der Polizei.

Meine Erfahrungen mit Demonstrationen und Protesten hatten deswegen auch mit Gewalt zu tun. Als Sanitäter lernt man sehr früh, dass Eigenschutz vor Fremdschutz geht. Das ist doch sehr sinnvoll, weil ein toter Sanitäter kann andere Menschen nicht mehr retten. Deswegen gehört man nicht in die erste Reihe. Ich hatte aber keinen Vergleich. Ralf Ludwig sagte mir, als wir zusammen die Partei Widerstand 2020 gründeten, auf welchen Demos er jetzt unterwegs sei und er sagte mir, ich müsste mitkommen.

Ich wollte nicht. Es war mir zu gefährlich, es war nicht mein Stil, auf Demonstration zu gehen. Ich dachte mir, als über 50-Jähriger ist die Zeit für Demonstrationen an mir vorbeigegangen, das sei Aufgabe der Jugendlichen, der Studenten, der Schüler und der jungen Wilden. Das Problem war nur, die gingen nicht auf Demonstrationen. Ich haderte lange mit mir selbst, ob ich auf eine Demonstration gehen sollte oder nicht. Ich sagte immer, meine tägliche Demonstration ist das Internet. „Ralf, geh du auf Bühnen, geh du auf Demonstrationen. Ich mache das, was ich am besten kann, Videos. Videos, um die Menschen aus ihrer Angst zu holen. Denn in dem Moment, wo man die Menschen aus der Angst holt, hat sie keine Macht mehr über einen, wie ich selbst erlebte.

Dann kam der 9.5.2020 und Ralf wies mich erneut darauf hin, dass das jetzt bei mir in der Nähe wäre und ich sollte doch bitte mitkommen. Ich ließ mich überreden und so kam es, dass der 9.5.2020 die erste Demonstration war, an der ich teilnahm. Es war ein wahnsinniges Gefühl, auf diesen Platz zu gehen. Ich sah, wie viele Menschen

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ich erreichte und wie viele Menschen mich erkannten. Menschen applaudierten mir, Menschen bedankten sich bei mir. Das erste Mal im Leben wollte jemand ein Selfie mit mir. Es tat unglaublich gut, nach den ganzen frustrierenden Erlebnissen mit dem Aufbau der Partei, mit den Schwierigkeiten auf YouTube, zu sehen, welche bedingungslose Unterstützung die Menschen mir gaben. Zu spüren, wie viel Liebe und Enthusiasmus die Menschen aufbringen, um andere aus ihrer Angst herauszuholen und um die Lügen um die Pandemie zu beenden. Es war ein wahnsinnig schönes Gefühl, durch diese Menschen zu gehen. An der Bühne angekommen, traf ich das erste Mal Michael Ballweg. Ich war sehr beeindruckt von seiner Organisation und von der Größe der Veranstaltung und wie souverän er das machte. Sehr gerne hätte ich von der Bühne zwei, drei Worte gesagt, aber, obwohl die Menge meinen Namen rief, durfte ich das nicht. Michael sagte, da ich eine Partei repräsentiere, darf ich nicht auf seiner Bühne auftreten. So konsequent ist Michael. Es war egal. Ich hatte die Möglichkeit, zusammen mit Ralf Ludwig mehrere Interviews zu geben und viele Menschen kennenzulernen.

Abbildung aus dem Buch, Originalseite 112
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Bodo Schiffmann mit Ralf Ludwig in Berlin

Es war ein großartiges Erlebnis und es war der Auftakt zu einer Reihe von ungezählten Auftritten auf Bühnen und Veranstaltungen. Jede dieser Demos war für mich, wie wenn man einen leeren Akku an einer Steckdose auflädt. Diese Demonstrationen sind für alle Anwesenden, nicht nur für mich, Momente der Energie, wo man sich gegenseitig Kraft spendet und ein Kraftfeld aufbaut, das einen weiter vorantreibt. Die Demonstrationen sind wahnsinnig wichtig. Leider wurden

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die Menschen im Laufe der Zeit müde, auf Demonstrationen zu gehen. Das ist auf der einen Seite verständlich, auf der anderen Seite ein ganz schlechtes Signal. Wir haben noch lange nicht das erreicht, was wir erreichen wollten, aber wir sind auf einem sehr guten Weg.

Was sind wir? Wir sind viele! Ich kann euch nicht hören! Was sind wir? Wir sind: V I E L E Genau ...

Das wandelte ich übrigens ab, klaute es von einer Hörspiel-Serie, die meine Kinder immer hörten, und zwar von den Playmos. Kleine Playmobil-Figuren. Hör doch mal rein, es kommt in der Regel am Ende der Folge. Vielleicht erkennst du es wieder.

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