Kapitel 005

Brotlose Kunst und stinkend faul

Dr. Bodo Schiffmann2. Auflage · September 2021Originalseiten 40–45
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Ich bin 1968 geboren, damit in der ersten Generation der Computer-Kinder. Als ich groß wurde, kamen Rechner wie Dragon 32 oder ZX 81 oder Apple II-Computer auf den Markt. Es gab damals noch nicht sehr viel Software und wenn es Software gab, dann war sie wahnsinnig teuer. Da es zu der Zeit das Angesagteste war, interessierte auch ich mich für Computer und natürlich auch dafür, wie man sie programmiert. Im Laufe der Zeit lernte ich circa 20 Programmiersprachen. Ich hatte schon sehr früh eine eigene Computerfirma und kaufte mir noch als Jugendlicher zu Hause von meinem Zeitungsgeld einen gebrauchten ZX 81. Auf diesem Computer konnte man nichts speichern, man musste es auf Kassetten speichern und einen alten Fernseher anschließen, damit man überhaupt einen Monitor hatte. Ich verbrachte sehr viel Zeit mit diesem Gerät und musste mir sehr häufig von meinem Vater anhören, dass das, was ich hier machte, brotlose Kunst sei. Er sollte nicht Recht behalten. Wie so häufig erreichte er genau das Gegenteil von dem, was er eigentlich erreichen wollte. Er wollte, dass ich mich um etwas anderes kümmerte, vielleicht ein Buch in die Hand nahm oder rausging und spielte. Für mich war es jedoch ein Ansporn, aus diesem Computer das Maximale rauszuholen. Ich hatte mir davon natürlich auch etwas versprochen und dachte mir, ich könnte diesen Computer benutzen, um für mich Mathe-Aufgaben zu lösen, chemische Formeln zu erstellen oder Texte wiederholt zu verwenden. Also, im Grunde genommen muss ich zugeben, fing ich aus dem Grund an, programmieren zu lernen, was mir im Laufe meines Lebens sehr viel half. Ich finanzierte mein Studium über Computer-Programme und letztendlich bekam ich auch die Anstellung in der HNO-Klinik in Mannheim nicht wegen meiner Schulnoten oder wegen meiner medizinischen Leistungen, sondern weil ich der einzige angehende Arzt war, der gut mit Computern umgehen konnte. In der Klinik gab es damals noch kein Netzwerk und ich wollte für meine Doktorarbeit einen Zugriff auf die medizinischen Datenbanken der Klinik haben, um festzustellen, dass es keine gab. Mein damaliger Chef-Professor Doktor Karl Hörmann fragte mich, ob ich das denn besser könnte mit den Netzwerken als der bisherige Administrator, und ich antwortete ihm: „Selbstverständlich kann ich das besser.“ Daraufhin stellte er mich privat an und ich fing an, nicht nur das Netzwerk für die HNO-Klinik aufzubauen, sondern bei der Gelegenheit auch mehrere Programme zu schreiben und Datenbanken zu

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erstellen, die zum Teil noch bis zum heutigen Tag dort laufen und im Einsatz sind. Meine Intention war immer, Arbeitsschritte wie das Erstellen von Arztbriefen zu erleichtern, sodass ich nicht stundenlang einen Brief diktieren musste, in dem sowieso jedes Mal dasselbe drinstand. Also fing ich an, Vorlagen zu basteln und eignete mir damals mit Büchern das nötige Wissen an, um die Vorlagen mit Microsoft Office zu programmieren. In dem Fall war das die eigene Programmiersprache von Word, die damals noch nicht zusammen mit den Office-Komponenten programmiert wurde. Meine Programme waren erfolgreich und auch die Mitarbeiter der Klinik schätzten diese Arbeitserleichterung sehr. Also daher vielleicht auch der Titel „Brotlose Kunst und stinkend faul“.

Dieses Wissen war mir in meinem Leben immer nützlich. Ich schrieb mir auch in meiner Tätigkeit als Arzt eigene Programme, konnte meine Patienten dadurch deutlich effizienter behandeln und so auch Fehler vermeiden, da ich über diese standardisierten Schreiben auch meinen eigenen Qualitätsstandard definieren konnte. Auf der anderen Seite verstand ich auch, wie man über Software Menschen manipulieren kann und welche Möglichkeiten es gibt, Menschen auszuspähen, da ich auch im Bereich Hacking durchaus auf Erfahrungen zurückblicke.

Schon bevor es das Internet gab, gab es sogenannte Mailboxen. Diese Mailboxen wählte man mit einem Modem oder Akustik-Koppler an und konnte sich dort mit Menschen über Themen unterhalten. Man könnte es heute mit einem Chat vergleichen. Auch dort gab es bereits Moderatoren und Administratoren. Mit der Zeit wurde ich auch einer der Administratoren von ein paar Schwerpunktbrettern in diesem System. Meine Hausmailbox war die Hightech in Ludwigshafen – die einzige Mailbox, die zwei Hochgeschwindigkeitsmodems verwendete, die eigentlich in Deutschland verboten waren, den so genannten Zyxel. Hier wurden Geschwindigkeiten erreicht, von denen die Telekom zu diesen Zeiten noch dachte, sie würden das Telefonnetz zerstören. Auch hier konnte man weit über das banale BTX-System hinaus bereits über das Fidonetz weltweit kommunizieren. Während meines Studiums in Heidelberg 1992 hatte ich dann auch die ersten Kontakte mit dem im Aufbau befindlichen Internet. Also, jeder Schritt dieser Entwicklung war auch ein Schritt meiner eigenen Entwicklung. Viele Computersysteme, in denen ich arbeitete und die ich bedienen kann, gibt es heute gar nicht mehr, wie zum Beispiel OS/2 und die ersten

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Windows-Versionen. Hier war bezeichnend, dass zum Beispiel von der Programmierer-Gruppe um Bill Gates Fehler voreingebaut wurden, um andere Software zu boykottieren und Fehler zu produzieren, sobald jemand Software installieren wollte, die nicht aus dem Hause Microsoft stammte. Wir nutzten das alles, hackten und tauschten unsere Kenntnisse untereinander aus. Es war eine großartige Zeit. Wir waren uns auch immer der Gefahren des Internets bewusst und haben unser Know-how für die Absicherung unserer Systeme verwendet. Wir wollten immer verhindern, dass es zu einer Zeit wie der jetzigen kommt, in der Menschen nur noch eine Ziffer in der Computerwelt sind und eine vollständige Überwachung keine Fiktion mehr, sondern Realität ist. Leider lernen die meisten Menschen nicht mehr, Computer zu programmieren oder zu hinterfragen, sondern sie sitzen nur noch davor und glauben, sie würden sie bedienen. Die Realität sieht anders aus: Die Computer haben längst die Kontrolle übernommen und die Menschen sind nur noch ein Teil des Programms. Sie bekommen eine Schnittstelle über Chips und werden genauso programmiert wie die Computer. Das große Problem ist, dass man eine Identität ganz einfach löschen kann, indem man eine Ziffer im Computersystem löscht. In einem Computer wird ein Name nicht als Name abgelegt, sondern es wird ein einziger Datensatz erstellt. Der hat eine einmalige Nummer, die dann die Identifikationsnummer des jeweiligen Menschen ist. Alle Daten, die an dieser Nummer hängen, werden gespeichert. Wenn die Daten dann in ein neues System übertragen werden müssen, werden nicht mehr die Einzeldaten übertragen, sondern nur noch die Nummer und der Rest der Daten wird referenziert. Das heißt, es wird ein Verweis darauf abgelegt. Das große Problem daran besteht darin, dass in dem Moment, wo man diese Nummer löscht, alle damit verknüpften Daten auch verschwunden sind. Man kann also die Gesamtidentität, das gesamte Geld, den gesamten Schriftverkehr und eigentlich auch die gesamte Person dadurch einfach verschwinden lassen, wenn man diese eine Ziffer aus dem System rauslöscht. Das klingt nach Science-Fiction, aber es ist schon lange Realität. Es gab darüber sehr schöne Filme. Ich erinnere an „Das Netz“ mit Sandra Bullock, wo man diese Szenarien bereits durchspielte.

Leider sind die Menschen bereit, sich auf eine Nummer reduzieren zu lassen. Die Menschen empfinden es als bequem, wenn sie mit einem Chip unter der Haut bezahlen können. Wenn sie selbst die Kontrolle über diesen Chip hätten, wäre dagegen wahrscheinlich auch

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gar nichts zu sagen. Das Problem ist, sie haben darüber nicht die Kontrolle. In diesem Chip ist lediglich die Nummer eingespeichert und ansonsten ist der Chip wertlos. Er beinhaltet keine Informationen über das Individuum selbst. Es verweist nur auf etwas anderes. Man könnte jetzt auch sehr einfach eine Identität auswechseln, d. h. man könnte jemanden zum Verbrecher erklären, zum international gesuchten Mörder, indem man einfach seinen zentralen Datensatz verändert. Jeder würde das glauben, denn es wird ja nur auf diese vermeintlich vertrauenswürdige Quelle referenziert. Dadurch, dass wir uns quasi nicht mehr bewegen können, ohne über Nahfeld-Kommunikation, WLAN, Bluetooth oder Ähnliches jeden einzelnen Schritt verfolgbar zu machen. Wir schrecken auch nicht davor zurück, unser Intimstes nach außen zu tragen und unsere Krankenakten für jeden zugänglich zu machen. In der Zukunft weiß ein Arbeitgeber, ob sein Angestellter schon einmal Impfungen verweigerte oder schon mal unter einer psychischen Erkrankung litt, ob vielleicht in der Vergangenheit auch ein Abhängigkeitssyndrom vorlag. Er kann dann auswählen, ob er sich das „Risiko“ dieses Menschen zumutet.

Den Menschen ist nicht klar, welche Gefahren in dieser zentralen Datenspeicherung liegen und wie leicht sie dadurch selbst erpressbar und steuerbar werden, wenn sie diese Daten bereitwillig zur Verfügung stellen. Es muss die Aufgabe der Zukunft sein, diese Schritte wieder rückgängig zu machen, damit die Daten den Menschen gehören und nicht den Regierungen und Rechnern. Vieles von dem, was wir als Fortschritt empfanden, führt in Wirklichkeit in eine digitale Sklaverei. Wir sind am Scheidepunkt angekommen, wo wir wissen und entscheiden müssen, was wir eigentlich wollen. Wenn wir selbstbestimmte Wesen bleiben wollen, dann sollten wir uns auf keinen Fall Werte wie Bargeld oder persönliche Identitäten nehmen lassen. In dem Moment, wo wir alle nur noch eine zentrale Nummer sind, die über einen Chip erfasst wird, sind wir nicht mehr in der Lage, selbst Entscheidungen zu treffen. Wir sind dann in einer Abhängigkeit zu dem Besitzer des Codes, auf dem unser Computer-Chip liegt. Die Menschen müssen verstehen, wie gefährlich es ist, diesen Weg weiterzugehen. Weil, wenn man deinen Chip deaktiviert, dann wirst du in der zukünftigen Welt weder reisen können noch arbeiten noch wirst du etwas zu essen bekommen. Man wird dich jagen, weil du ein Ausgestoßener bist, und man wird dich finden, da du durch deinen Chip in der Haut überall registriert bist und durch Sensoren erkannt werden kannst.

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Alle Dystopie in von „Schöne neue Welt“ bis zu Orwells 1984 waren im Vergleich zu den heute existierenden Möglichkeiten Spielerei. Das gerade Beschriebene war einer der Hauptgründe, die Kassenzulassung unserer Praxis zurückzugeben, um als eine Privatpraxis weiterzumachen. Die Daten meiner Patienten sah ich durch die Telematik-Infrastruktur als nicht mehr sicher an. Viele unterstellten meiner Frau und mir monetäre Gründe, doch wir verdienten gleich viel Geld wie vorher.

Abbildung aus dem Buch, Originalseite 44
Originalseite 44 · Zum Vergrößern auf das Bild klicken

Bodo Schiffmann (Mitte) mit seinem Vater (gest. 2020) und seiner Familie

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