Rettungsdienst, Passion und Notkompetenz
Ich verweigerte den Kriegsdienst. Das war 1988 noch nicht selbstverständlich. Damals musste jeder im Alter von 18 Jahren zur Musterung gehen. Wehrpflichtige junge Männer wurden vorgeladen und mussten sich dann beim Kreiswehrersatzamt zur körperlichen Untersuchung vorstellen, um ihre Eignung zum Dienst an der Waffe für das Vaterland nachzuweisen.
Ich fand das cool! Außerdem konnte man dort den LKW-Führerschein machen oder eine Ausbildung. Man war von den nervigen Eltern weg und man durfte ein bisschen Pfadfinder spielen mit einem Gewehr auf dem Rücken. Dazu wusste man, dass man nach der Grundausbildung mehr Party gemacht hat als Sinnvolles. Aus Sicht eines 18-Jährigen durchaus erstrebenswert. Ich hatte auch nicht vor, untauglich gemustert zu werden. Das haben viele in unserer Schule umgesetzt, andere haben sich für zehn Jahre bei Hilfsorganisationen verpflichtet, um dem Wehrdienst zu entgehen. Ich dachte mir: Den LKW-Führerschein nehme ich mit, vielleicht kann man auch den Pilotenschein machen, schauen wir uns das doch mal an.
Also ging ich zum Kreiswehrersatzamt nach Heppenheim und wurde dort von einem Komitee empfangen. Neben einem sehr unfreundlichen Arzt, vor dem man sich dann nackt ausziehen musste und der einem an den Fortpflanzungsorganen irgendetwas betastete, gab es auch ein paar Soldaten, die einen im Befehlston anschnauzten. Ich bin bis zum heutigen Tag der Meinung, die Untersuchung beim Bundeswehr-Arzt hatte nichts mit Medizin zu tun. Insbesondere nachdem ich mein Studium abgeschlossen habe, weiß ich bis zum heutigen Tag nicht, was meine Hoden mit meiner Wehrhaftigkeit zu tun haben könnten. Rückblickend handelte es sich hierbei eher um verkrachte Existenzen mit einer perversen Grundhaltung als um Ärzte.
Ich stand also vor einem Komitee von drei Personen, die mich dann im Befehlston fragten, in welche Einheit ich denn wollte. Ich sagte daraufhin, sie sollten bitte ihre Tonart wechseln, weil ich nicht im Befehlston mit mir reden lasse und dass ich vor 5 Minuten beschlossen habe, den Kriegsdienst zu verweigern und in gar keine von ihren Einheiten gehen würde. Dann fragte ich sie, ob ich gehen dürfte.
Ich durfte. So wurde ich Kriegsdienstverweigerer. Ich schrieb eine Verweigerung, in der ich mitteilte: Wenn jemand meine Familie angreift und ich hätte eine Waffe zur Hand, dann würde ich sie gegebenenfalls gegen ihn richten und benutzen. Aber ich werde mir niemals von jemand anderem sagen lassen, wann ich abzudrücken habe und wen ich erschießen soll.
Viele Verweigerer mussten ihre Verweigerung vor einem Komitee rechtfertigen und ich wollte unbedingt dahin. Keiner wollte mich sehen. Meine Verweigerung wurde akzeptiert, dabei stand auch noch drin, dass ich Waffen cool finde und dass ich mir vorstellen kann, in ein Schützenverein zugehen. Ich dachte, das reiche, um vorgeladen zu werden.
Ich wusste während meiner Schulzeit nicht, was ich werden sollte. Mit 18 Jahren hatte ich noch keine Vorstellung. Zum einen wollte ich Chemie studieren oder im Hotelfach arbeiten. Ich hatte auch überlegt, Anwalt zu werden oder Lehrer. Da ich es, wie schon erwähnt, von einem Freund kannte, dass er im Rettungsdienst mit Blaulicht fuhr, dachte ich mir: „Das machst du auch“. Ich bewarb mich beim Rettungsdienst als Zivildienstleistender und wurde auch genommen.
Ich liebte es. „Notruf ist nur Fernsehen, die Wirklichkeit sind wir“, so lautete der Slogan auf einem T-Shirt, das wir uns machten. Wir waren eine tolle Mannschaft und unsere vorgesetzten hauptamtlichen Rettungsfahrer waren immer häufiger krank, sodass die Wagen nicht selten ausschließlich von Zivildienstleistenden besetzt waren. Wir waren eine neue Generation, wurden hochmotivierte Ausbilder beim Roten Kreuz in Mainz, die sich zum Ziel gesetzt hatten, Kompetenzen für die Sanitäter zu erstreiten, die diese bis dahin nicht hatten. Dazu gehörte, Infusionen anzulegen und Ähnliches. Wir waren einsatzfreudig, bildeten uns weit über das normale Maß gegenseitig fort und liebten die Action.
Es gibt schon einen Grund, warum man Soldaten jung in den Krieg schickt: weil man Belastungssituationen wesentlich besser aushält. Es ist erstaunlich, wie viel man in diesem Alter einfach wegsteckt. Welche grausamen Bilder das Gehirn verarbeitet und trotzdem weiter funktioniert. Niemand von uns hatte es vorher mit schweren Verkehrsunfällen zu tun oder mit sterbenden Menschen, und dennoch waren wir wie berauscht, wie in einer Droge. Wenn der Melder alarmiert
und man rennt ins Auto, geht ans Funkgerät und erfährt, wo man hinfahren soll und was einen dort erwartet. Dann fließt das Adrenalin in den Adern. Man schaltet das Blaulicht ein, das Martinshorn und rast einer Situation entgegen, die man im Vorhinein nicht kennt. Anschließend muss man damit umgehen, ganz egal, was passiert. Es ist ein Kick, es ist ein Rausch, es ist eine Droge. Andere Leute holen sich ihren Kick beim Fallschirmspringen oder Extremsport. Rettungsdienst ist Extremsport. Ich liebte es.
Es gab Situationen, da musste man, um ein Menschenleben zu retten, Dinge tun, die einem das Gesetz nicht erlaubt hätte. Man musste Medikamente geben, man musste Maßnahmen ergreifen, weil es zu spät gewesen wäre, bis ein Arzt aufgetreten wäre. Und manchmal mussten wir auch einen Patienten vor seinem Arzt retten. Wir waren gut, wir liebten es. Wir waren sehr motiviert und wollten immer mehr lernen. Wir trainierten zwischen den Einsätzen Techniken, die man in den Schulen nicht lernte, und wir wollten die Besten sein. Aber wir mussten auch erleben, und nicht nur einmal, wie viele unfähige Mediziner ihren Dienst in Deutschland versehen und die Menschen gefährden. Es gab bizarre Situationen, wo Erste-Hilfe-Methoden angewendet wurden, wie man sie vor dem Krieg benutzte, nur weil der Arzt seitdem nichts dazugelernt hatte. Ich erlebte Reanimationen, bei denen der Patient in einem Schaukelstuhl saß, der Hausarzt auf ihm rumdrückte und wir ihn fragten, was er da mache. Er erwiderte: „Ich reanimiere, das sieht man doch.“ Wir sprachen dann den toten Patienten an und fragten ihn, was sein Hausarzt da tue. Und er antwortete, das wüsste er auch nicht so genau – der Patient war nämlich nicht tot. Das ist kein Witz! Es ist ein Beispiel für den Wahnsinn, den wir nicht selten erlebten. Irgendwann ist es nicht mehr zu ertragen. Und wenn man morgens zur Arbeit geht, sich die Bild-Zeitung kauft und merkt, dass das Gehirn aufhört zu funktionieren, dann trifft man die Entscheidung, dass es eine gute Idee sei, selbst zu studieren.
Ich finanzierte mein Studium weiter mit Rettungsdiensten, und mit Zauberauftritten. Und arbeitete, solange ich keine Kinder hatte, weiter als Notarzt im Rettungsdienst und als Arzt im ärztlichen Notdienst, weil es mir einfach zu wenig war, als HNO-Arzt Menschen zu behandeln. Ich bin sehr froh über jede Erfahrung, die ich machte. Die Rettungsdienste gaben mir die Möglichkeit, Menschen in Extremsituationen kennenzulernen.
Ich bin den alten Sanitätern dankbar, die uns am Anfang unterstützten, und ich lernte von ihnen, auch in Extremsituationen cool zu bleiben. Walter Hoffmann hieß einer meiner Lieblingssanitäter und er sagte immer: „Du hast die Situation so lange unter Kontrolle, bis die Menschen merken, dass du sie nicht unter Kontrolle hast. Die Menschen dürfen niemals merken, dass du Angst hast, denn dann hast du verloren.“
Er hatte recht. Sowohl im Rettungsdienst wie auch in der Klinik waren Mitarbeiter immer froh, wenn ich in Extremsituationen mit anwesend war, weil man mir nicht anmerkte, dass ich Angst hatte und damit nahm ich anderen die Angst.