Midlife-Crisis und Erkenntnis
Ich habe manchmal so das Gefühl, dass mein gesamter Weg vorbestimmt war. Die meisten Menschen fangen so um das 50. Lebensjahr herum an, sich Gedanken über den Sinn des Lebens zu machen. In meinem Falle bedeutete das, dass ich anfing, mich mit sehr vielen Religionen zu beschäftigen, mich für Philosophie zu interessieren und verschiedene Bücher zu lesen, die sich sowohl mit Wirtschaftswissenschaften beschäftigten wie auch mit Redekunst und Politik. Ich lernte, wie man Interviews führt, wie man am besten auf unfaire Fragen antwortet und mit welchen Tricks die Medien arbeiten. Dazu gehören auch die bekannten Mechanismen, wie man Menschen framet, aber auch Lösungen, wie man ein Reframing vornehmen kann.
Einige Bücher prägten mich hierbei besonders und ich möchte kurz auf sie eingehen: Ein sehr wichtiger Autor für mich war der Autor des Buches „Die sieben Wege zur Effektivität“, Stephen R. Covey. Ein bemerkenswerter Mann, der es schaffte, Philosophie und Wirtschaftswissenschaft zusammen zu bekommen. Die wichtigste Lehre aus seinem Buch für mich war, dass Kompromisse nie eine Lösung sind, sondern dass man immer an Win-win-Situationen arbeiten sollte. Hiervon profitieren beide Seiten, bei einem Kompromiss verlieren beide Seiten. Eine weitere zentrale Botschaft war der sogenannte Redestab, der „Talking Stick“ der Massai. Jeder Massai hat einen Talking Stick und wenn es innerhalb des Stammes zu einem Gespräch kommt, darf derjenige reden, der den Talking Stick vor sich hält. Der Sprecher wechselt erst in dem Moment, wo er die Meinung des Vorredners so wiedergeben konnte, dass dieser sich verstanden fühlt. Das ist eine interessante Art von Gesprächsgrundlage und ich lernte, dass man hiermit sehr viele Kompromisse und insbesondere Missverständnisse vermeiden kann. Schwierig ist auch, dass es keine Wahrheit gibt, sondern jeder Mensch hat eine eigene Wahrnehmung und diese Wahrnehmung entscheidet darüber, was er selbst als Wahrheit empfindet. Daher ist es durchaus möglich, dass auch die Maßnahmenbefürworter in ihrer eigenen Welt völlig Recht haben, weil sie selbst einfach nach Belegen für ihre Meinung suchen. Und man muss selbst darauf achten, es nicht zu tun. Ein weiteres sehr entscheidendes Buch ist das Buch „Mit Ignoranten reden“, in dem man lernt, wie man gekonnt die Positionen und den Sprachstil wechseln kann, sodass man von einem versierten Interviewer nicht in die Falle geführt werden kann.
Alle diese Fähigkeiten erarbeitete ich mir aus Büchern und konnte sie sehr gut benutzen. Ich bin ein großer Freund der buddhistischen Philosophie und fand sehr viele Gemeinsamkeiten mit anderen Weltreligionen. Kurz bevor es zu der Coronakrise kam, war für mich eigentlich klar, dass die Antwort auf die meisten Fragen ganz einfach die Liebe ist. Das klingt immer sehr pathetisch oder kitschig, wenn man so etwas sagt, aber es ist das, was die Bibel als Grundaussage prägt und auch, was den Koran oder den Buddhismus oder auch alle anderen Religionen oder Philosophieformen miteinander vereint. Ich lernte, wie man offen zuhört und wie man ein Gespräch führt, und musste erkennen, wie wenig ich in meinem bisherigen Leben darauf Rücksicht genommen hatte, was die Meinung anderer Menschen ist.
Ich las in der Zeit zwischen meinem 49. und 50. Geburtstag insgesamt über 300 Bücher, zum Teil hörte ich sie als Hörbücher, zum Teil las ich sie danach auch noch einmal. Ich bin sehr dankbar für diese wunderbare technische Möglichkeit, die es einem ermöglicht, sehr einfach viele Bücher zu hören. Da ich in der Lage bin, Bücher auch mit zwei- bis dreifacher Geschwindigkeit zu hören und sie trotzdem zu verstehen, fiel es mir leicht, dieses Pensum zu bewerkstelligen. Ich hatte schon immer eine besondere Beziehung zu Büchern und bezog das meiste Wissen, das ich habe, aus Büchern. Auch als Kind waren Bücher für mich schon immer besondere Schätze und wir hatten auch sehr viele davon zu Hause. Es gibt eine Geschichte, wo ich schlafwandlerisch auf meinem Bett unter dem Bücherregal kniete, die Arme nach oben ausstreckte und sagte: „Alles meine Bücher.“ Es ist für mich nahezu unmöglich, Bücher wegzuwerfen, denn sie haben für mich eine besondere Magie. Ich konnte so viel Wissen aus ihnen ziehen und sie entführten mich in so viele Welten, dass sie für mich zum Wichtigsten auf der Welt gehören.
Ich halte es heute nicht mehr für einen Zufall, dass ich diese Bücher in der jüngsten Vergangenheit alle lesen musste, weil sie haargenau für diese Zeit passen, für die Aufgabe, die ich in der Coronakrise übernommen habe. Ich lernte mich auszudrücken, Interviews zu führen, mit unfairer Behandlung richtig umzugehen. Ich las Bücher über Kriegsstrategien, Verhandlungsführung sowie Geheimdienstmethoden, wie man Menschen verhört oder ihnen eine verbale Falle stellt. Ich durfte Bücher kennenlernen, die sich mit der Kraft des Geistes und der Geistheilung beschäftigten, so wie das wunderbare Buch „Du bist das Placebo“ von Joe Dispenza. Ich lernte, wie man
sich selbst motiviert und wie man seine Ziele visualisiert und auch erreicht.
Das alles gab mir die Werkzeuge für die vielen Gespräche in jüngster Zeit und auch für sehr konträre Standpunkte an die Hand. Dafür bin ich sehr dankbar. Meine beiden Lieblingsbücher sind sicherlich „Das Café am Rande der Welt“ und „Safari des Lebens“ von John Strelecky. Letzteres war vielleicht auch der Grund, dass Afrika so eine besondere Anziehungskraft hatte und warum meine Frau, meine Kinder und ich unsere Reise dorthin antraten (davon berichte ich an anderer Stelle noch), weil auch ich auf der Suche nach dem Beginn von allem bin. Und ich glaube auch, dass ich in der kurzen Zeit bisher, in der ich Afrika als meine Heimat sehen durfte, mehr über die Menschen lernte, über die Liebe und über Kinder, als ich das in meinen bisherigen 53 Jahren in Deutschland tat. Die Menschen in Afrika sind offener, sie sind voller Liebe und sie haben ein ganz besonderes Phänomen, welches ich jetzt hier, wo ich das Buch in Deutschland diktiere, wieder sehr deutlich wahrnehme: In unserem Nachbargarten spielen gerade

Bodo Schiffmann mit Familie und Freunden in Afrika
zwei Kinder, man hört sie auch häufiger mal weinen. In der gesamten Zeit in Afrika hörte ich keine Kinder weinen, sie sind immer in Kontakt mit ihren Eltern oder mit ihren Geschwistern und werden getragen, sie spüren die Wärme und den Körper des anderen, aber sie weinen nicht. Dafür gibt es aber auch keine Kinderwägen und sie werden nicht einfach irgendwo abgestellt. Wir könnten viel lernen, wenn wir alle bereit wären, voneinander etwas anzunehmen.
Bücher sind eines der wertvollsten Geschenke, die wir bekommen haben, und in der heutigen Zeit ist es so einfach, dass man sie sich auch vorlesen lassen oder als Hörbuch im Internet herunterladen kann. Im Gegensatz zum Fernsehen bieten mir Bücher die Möglichkeit, mir meine eigenen Gedanken zu machen, darin Notizen anzubringen und immer wieder mal einzelne Passagen hervorzurufen. Es ist sehr schade, dass Bücher in der heutigen Welt eine untergeordnete Rolle eingenommen haben. Ich hoffe, dass sich das wieder ändert, denn wenn mehr Menschen die Bücher von George Orwell gelesen hätten, dann wäre uns vielleicht eine Situation wie die Corona-Krise erspart geblieben.