Schule und Studium
Was habe ich für ein Glück, dass es, als ich zur Schule ging, die Krankheitsbilder hyperaktiv und ADHS noch nicht gab. Zu meinen Zeiten konnte man einfach nicht stillsitzen oder man ließ sich ablenken oder für die Eltern gerne formuliert: „Er ist zu intelligent, er langweilt sich in der Schule.“
Ich habe das Talent, überall aufzufallen, und wies bereits darauf hin, dass ich ein schlechter Lügner bin und man mich immer ertappt. So ähnlich ist es, wenn ich irgendetwas anstelle. In der Grundschule hatte ich einmal einen Wutausbruch. Ich ärgerte mich über irgendetwas und war dann in der Jungentoilette. Ich war so sauer, dass ich mit meinem Fuß gegen die Kloschüssel trat, einfach, um Aggressionen abzulassen. Mein Fuß war stärker als die Kloschüssel. Als Grundschüler gelang es mir also, eine Kloschüssel zu zertrümmern. Aber wenn ich so etwas mache, dann kommt genau in dem Moment der Hausmeister zur Toilette rein und erwischt mich dabei.
Ich ging in Hessen zur Schule, genau gesagt, in die Goetheschule in Lampertheim. Und nachdem der Hausmeister mich erwischt hatte, wurde ich auch sehr schnell dem Rektor persönlich vorgestellt. Meine Eltern mussten in die Schule kommen und ich erhielt als einer von zwei Schülern im Land Hessen die Note vier in Betragen (was übrigens die schlechteste Note ist, die man in Betragen kriegen kann). Ich sagte es aber bereits: Meine Eltern waren sehr schmerzbefreit und stellten sich grundsätzlich vor und hinter ihre Kinder, nicht sehr einfach für Lehrer. Sie fragten den Rektor, wie man ein Grundschulkind so verärgern konnte, dass es solche Aggression hatte, wo ich doch zuhause so friedlich wäre. Wundervoll.
Ich nahm gerne an Chorauftritten teil und spielte Theater. Dann ging es weiter ans Gymnasium nach Heppenheim. Dort konnte ich etwas länger als ein Jahr bleiben. Vielleicht lag es daran, dass ich chemische Experimente im Schulbus durchführte. Ich bastelte mir einen Chemiekoffer und probierte alles aus, was man in dem tollen Chemiebuch von Römpp und Raaf finden konnte. Heutzutage kann man diese Chemikalien nicht mehr kaufen und es würde, glaube ich, unter Sprengstoffrecht fallen. Damals bekam man die Zutaten in jedem Drogeriemarkt. Möglicherweise lag der kurze Aufenthalt an der Schule aber auch
daran, dass wir uns einen Sport daraus machten, Fahrradschlösser zu knacken. Vielleicht kennt noch jemand diese Zahlenschlösser, wovon es verschiedene gab. Im Schnitt brauchte ich 10 bis 20 Sekunden, um so ein Schloss fachgerecht zu öffnen, vom Fahrrad zu entfernen und an ein anderes Fahrrad ranzumachen. Irgendwann wurde ich auch dabei beobachtet und dem Rektor des Starkenburg-Gymnasiums vorgestellt. Man unterstellte mir, ich würde Schlösser stehlen. Ich konnte allerdings sehr schnell die Schulleitung davon überzeugen, dass ich die Schlösser nicht entwendete, sondern diese nur ein bis zwei Fahrräder weiter wieder neu befestigte. Auch meine Eltern mussten sehr rasch wieder vorstellig werden und nachdem auch mein zweieinhalb Jahre älterer Bruder ebenso schulberühmt geworden war, fragte man uns, ob wir nicht vielleicht netterweise die Schule wechseln würden, bevor man uns rausschmeißt.
Machten wir, so kam ich nach Worms. Jetzt war ich schon ein bisschen gemäßigter. Ich entschloss mich dazu, meine überschüssigen Energien in der Schule konstruktiv mit Verwaltung einzusetzen, Theater zu spielen und in den Chor zu gehen. Das Böseste, das wir hier machten, war, dass wir einen Nachschlüssel zum Vertretungsplan hatten. Man konnte mitunter einfach mal eine Freistunde durch einen beherzten Strich mit dem Kugelschreiber herbeiführen. Man könnte aber auch sagen, es handelte sich um erste Kontakte mit der Politik. Ich hatte einen deutschen Sozialkundelehrer, der hieß Trümper. Er war einer der Lehrer, die sich auch in ihrer Freizeit für die Schüler engagierten und er gestaltete ein sehr schönes Projekt mit uns. Wir konnten während der Oberstufe bei ihm Politologie über ein Fernstudium studieren und trafen uns in der Freizeit bei ihm. Das war gut, auf diese Weise lernte ich einiges über Politik und schrieb sogar einige Arbeiten im Rahmen dieses Politologiestudiums.
Auch in dieser Schule suchte ich mir mit Leidenschaft Bühnen, auf denen ich mitspielen konnte. Dazu gehörte auch die Mitverwaltung der Schüler. Ich wurde ins Mittelstufengremium gewählt und wollte dann auch ins Oberstufengremium, verlor diese Wahl allerdings. Ich merkte mir genau, wie der Wahlgewinner agierte und wie er es schaffte, dass er gewählt wurde und ich nicht. Beim nächsten Mal wurde ich gewählt. Die Schüler-Mitverwaltung war ein sehr wichtiger Entwicklungsschritt, weil man gut daran tat, die Schulgesetze und die Schulordnungen in- und auswendig zu kennen. In Rheinland-Pfalz konnte man damals zum Beispiel einfach eine
Schülervertretungs-Sitzung abhalten und schon war man vom Unterricht befreit. Wir veranstalteten viele Schülervertretungs-Sitzungen und befreiten uns selbst vom Unterricht.
Eines machte ich aber immer. Ich machte viel Blödsinn, stand aber für meine Fehler immer ein, schob sie niemand in die Schuhe. Ich war ehrlich. Wenn man mich erwischte, sagte ich die Wahrheit. Und ich stellte mich immer vor andere Schüler, wenn ich merkte, dass sie ungerecht behandelt wurden. Ich setzte mich für sie ein, auch wenn ich dadurch Nachteile hatte. Das war mir die gesamte Schulzeit über und auch im Studium wichtig.
Nach der Schule machte ich Zivildienst, weil ein Freund aus meiner Klasse damals schon Rettungsdienst machte, und ich fand es extrem cool, mit Blaulicht zu einem Einsatz zu fahren. Ich glaube, jeder der sagt, er fahre nicht gerne mit Sondersignal, lügt. Es macht einfach Spaß, über rote Ampeln zu fahren oder falsch gegen die Einbahnstraßen. Das ist eine andere Geschichte.
Der Zivildienst war sehr prägend und ich sah viele Menschen in Extremsituationen. Ich sah viele Menschen bluten und sterben und ich sah viel Gewalt. Ich sah Kinder, die tot in ihrem Bett lagen oder von Autos überfahren worden waren. Ich erlebte Gewaltverbrechen. Und ich erlebte sehr viele unfähige Hausärzte und auch Notärzte, deren Behandlung für die Patienten gefährlicher war als ihre Erkrankung. Ich wäre gerne Sanitäter geblieben, aber ich wäre immer weisungsgebunden gewesen gegenüber Ärzten, die häufig keine Ahnung hatten, was sie taten. Deswegen studierte ich Medizin, weil ich mir sagte: „Das kannst du besser.“
Mein Studium wäre fast an der Vorklinik gescheitert, weil ich es wagte, meinen Physiologie-Professor zu kritisieren. Jeder Student war in einem Praktikum dazu verpflichtet, an echter Froschhaut die Muskelspannung zu erforschen. Ich schlug ihm vor, dass man doch auch Filme schauen könnte, statt Frösche zu killen. Er erklärte mir, dass das ja kein Tierexperiment sei, weil die Frösche ja vorher getötet würden, und wir machten das ja nur mit Froschhaut. Ich stritt mich mit ihm in der Vorlesung offen und fiel fortan durch jede Prüfung. Ich sah mir die Arbeiten an. Er hatte sie anders bewertet als die von meinen Kommilitonen. Am Ende sah es so aus, dass ich nur noch eine Chance zur Prüfung hatte, sonst wäre mein gesamtes Studium hinfällig ge
wesen. Er rief mich zum Gespräch und sagte mir, ich solle die ganzen Ferien lernen und ich solle alles lernen, was ich finde, weil Physiologie wäre ein sehr großes Fach und es sei sehr einfach, dort durchzufallen und er würde mich sehr intensiv prüfen. Dabei lachte er. Ich auch.
Es ist sehr gut, wenn man Gesetze liest. Dazu gehören auch Prüfungsordnungen. Ich verließ sein Büro und ging direkt zum Dekan der Universität, der in demselben Fach lehrte, erzählte ihm die Geschichte und sagte ihm, er solle mich bitte jetzt hier und sofort prüfen, ohne Vorbereitung. Ich bestand. Ich verließ das Büro des Dekans, ging zurück zu meinem Professor und sagte ihm, er könne entspannt in die Ferien gehen, weil ich gerade meine Prüfung bei seinem Vorgesetzten abgeschlossen hatte, und der möchte ihn gerne sprechen.
Nie aufgeben! Nie aufgeben.
Der Rest meines Studiums war entspannter. Ich hatte sehr gute Kontakte zu sehr vielen Professoren, die es schätzten, dass ich eine eigene Meinung hatte und nicht in ständig gebückter Haltung hinter ihnen herlief. Ich kann nur jedem empfehlen: Glaubt an euch, egal was ihr tut! Ihr seid besser, und wenn ihr an euch glaubt, kann euch niemand etwas tun.