Schwindelarzt und Menière-Dogmen
Normalerweise ist das Wesen von Wissenschaft, dass man sicher Geglaubtes ständig hinterfragt und wieder neu bewertet. Ein guter Wissenschaftler wird immer versuchen, sich selbst zu widerlegen und seine Thesen immer wieder neu zu bestätigen oder Gründe zu finden, warum er falsch lag. Soweit zumindest zur Theorie. In der Medizin ist es eher so, wie Lothar Wieler vom Robert Koch-Institut wieder mal sagte: „Diese Regeln dürfen niemals hinterfragt werden.“ Wenn in der Medizin etwas sicher geglaubt ist und schon lange geschrieben steht, dann ist es nahezu unmöglich, dieses Dogma, diese These wieder aus der Welt zu bekommen. Das gilt sicherlich im gleichen Maße für Viren und Mikroben, wie es auch für zum Beispiel Schwindelerkrankungen gilt. Ich habe mich in meinem Leben auf die Behandlung von Schwindelerkrankungen spezialisiert und musste mit der Zeit feststellen, dass sehr vieles, was in den Lehrbüchern als sicheres Wissen geschrieben steht, letztendlich einfach und ergreifend falsch ist. Insbesondere gibt es eine Erkrankung, die man als Morbus Menière bezeichnet. Sie geht auf einen französischen Arzt zurück, der 1861 Menschen mit den Symptomen Schwindel, Hörverlust und Ohrgeräusch beschrieb. Das Ganze wurde ihm zu Ehren auch mit seinem Namen in Verbindung gebracht. Tatsächlich beschrieb Prosper Menière niemals Menschen, die unter einem sogenannten Morbus Menière litten, sondern er beschrieb Menschen mit infektiösen Ohrerkrankungen und anderen neurologischen Erkrankungen, die in der Regel auf Infektionskrankheiten zurückgingen. Sein wirkliches Verdienst bestand darin, zu erkennen, dass die Kombination aus Hörverlust, Ohrgeräusch und Schwindel ein sicheres Indiz für eine Erkrankung des Innenohres oder der Hörnerven ist und nicht, wie man bis dahin dachte, eine Art von Epilepsie. Ich stellte die Diagnose Morbus Menière sehr häufig und wurde mit der Zeit zu einem der bekanntesten Menière-Experten in Deutschland. Nur, je länger und intensiver ich mich mit diesem Thema beschäftigte, desto mehr begann ich zu zweifeln, ob die in den Lehrbüchern beschriebenen Mechanismen auch tatsächlich der Realität entsprachen. Eigentlich ist der Morbus Menière eine Ausschluss-Diagnose. Das heißt, man muss sehen, ob man nicht eine andere Erklärung für diese Beschwerden finden kann und nur, wenn man keine findet, darf man diese Diagnose stellen. Mit zunehmender Routine und Erfahrung musste ich allerdings feststellen, dass ich immer häufiger eine bessere Erklärung für die Beschwerden der Patienten fand als ausgerechnet einen Überdruck im
Innenohr-Schneckenbereich. Das ging so weit, dass ich am Ende die Diagnose überhaupt nicht mehr stellte, sondern regelmäßig eine andere und bessere Diagnose stellen konnte. Indem meine eingeleiteten Therapien dann auch wesentlich erfolgreicher waren, konnte ich zeigen, dass ich mit meiner Einschätzung richtig lag. Man muss zu meinen Patienten wissen, dass es sich bei ihnen um Patienten handelte, die von anderen Ärzten abgeschrieben waren. Patienten, denen man gesagt hatte, man könnte ihnen nicht helfen oder sie würden sich ihre Erkrankung einbilden, an einer Depression oder einer hypochondrischen Erkrankung leiden. Meine Feststellung ist eine andere: Die Patienten, die ich sah, hatten alle ein nachvollziehbares Krankheitsbild. Nur glaubte ihnen leider niemand oder die Ärzte konnten es nicht mit ihrem Lehrbuchwissen in Einklang bringen und waren nicht bereit, sich eigene Gedanken zu dem Thema zu machen.
Schon zu diesen Zeiten musste ich einiges an Gegenwind von Kollegen erfahren. Nicht jeder war davon begeistert, dass ich das Krankheitsbild des Morbus Menière einfach infrage stellte, da es sich doch um eine Erkrankung handelt, über die es viele Bücher gibt und die seit 1861 im Grunde genommen fester Bestandteil der medizinischen Literatur ist. Dennoch war ich mir sicher, dass es sich hierbei eben nicht um einen Überdruck im Innenohr handelt, sondern es eine Vielzahl anderer Ursachen gibt, die zu den gleichen Symptomen führen. Der Morbus Menière ist nicht mehr und nicht weniger als eine Verlegenheitsdiagnose. Dieses Krankheitsbild existiert rein faktisch nicht. Es konnte auch nie im Modell erzeugt werden und selbst der beschriebene Mechanismus des Überdrucks im Innenohr konnte nie bewiesen werden. Wie kam es dazu? Relativ einfach: Da die Symptome überfallsartig auftraten und zu diesem Zeitpunkt sehr gut verstanden wurde, wie der grüne Star funktioniert, nämlich durch einen Überdruck im Auge, sagte man einfach: „Naja, dann wird das beim Ohr dasselbe sein“, und bastelte sich in Gedanken einen Mechanismus, der das Krankheitsbild erklären würde. Leider ist dies nicht die Realität. Gänzlich sicher war ich mir, nachdem ein anderer Experte für den Morbus Menière, ein bekannter Professor aus München, gemeinsam mit mir einen Vortrag in Heidelberg hielt und er mir nach der Vorlesung sagte: „Wissen Sie, lieber Kollege, ich glaube das alles nicht mehr. Ich habe mir alle Schnittbilder angeschaut, die den angeblichen Riss in der Membran im Innenohr zeigen, und es handelt sich hierbei um Quetsch-Artefakte. Ich selbst habe genug Felsenbeine präpariert, um zu sagen, dass es sich hierbei um Quetsch-Artefakte
handelt“, so seine Aussage. Seit diesem Zeitpunkt war für mich komplett klar, dass das Krankheitsbild tatsächlich nicht existiert und arbeitete daran, eine umfassende Publikation zu präsentieren, um den Schwindelpatienten eine neue Chance zu geben, behandelt zu werden.
Nur, wenn man sich mit so einer These an Kollegen wendet, dann bekommen sie Angst, weil man ja gegen Lehrbuch-Wissen verstößt, und dann bekommt man Angst um seinen medizinischen Ruf. Mir persönlich war das egal, denn ich konnte meinen Patienten helfen und ich arbeitete einfach weiter auf mein Ziel hin. Von daher war es nicht so erstaunlich zu erleben, dass viele Mediziner die Corona-Krankheit genauso wenig hinterfragten, wie sie die Innenohrerkrankung mit dem Namen Morbus Menière hinterfragten.

Praxisraum der Schwindelambulanz Sinsheim
Aus meiner Sicht brauchen wir eine neue Medizin. Wir brauchen Mediziner, die selbst nachdenken, die Ideen haben, die sicher geglaubtes Wissen ständig hinterfragen, um nicht den falschen Thesen nachzulaufen. Wir brauchen ein Medizinstudium, in dem Mediziner nicht einfach nur auswendig lernen, sondern lernen, selbstständig zu denken und neue Thesen aufzustellen. Und wir brauchen einen Diskurs über neue Behandlungsmethoden ohne Einfluss der Pharmaindustrie.
Die Pharmaindustrie sollte dem Arzt und den Patienten dienen und nicht der Arzt und der Patient der Pharmaindustrie. Ich hoffe, dass dies durch die Erlebnisse in den Jahren 2020 und 2021 jetzt möglich wird, dass man offen über Krankheitsbilder, über Viren, Mikroben, Bakterien und alle Arten von Erkrankungen sprechen kann und ich hoffe, dass wir anfangen, Medikamente zum Wohl der Patienten einzusetzen und zu entwickeln, und nicht mehr, um eine Industrie immer reicher werden zu lassen.