Kapitel 026

Berlin August 2020

Dr. Bodo Schiffmann2. Auflage · September 2021Originalseiten 118–123
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Querdenken hatte willkürlich den 1. August 2020 als Ende der Pandemie festgelegt und zu einer großen Demonstration nach Berlin auf die Straße des 17. Juni eingeladen. Es war ein Schuss ins Blaue und es sollte ein Signal werden. Die Umfragen vor diesem Termin, wie viele zu der Veranstaltung kommen würden, waren sehr mäßig bis schlecht. Ich glaube, die meisten Aktivisten, die sich auf den Weg nach Berlin machten, hatten ein schlechtes Gefühl im Bauch. Alle Veranstalter und alle Ursprungs-Initiatoren der Bewegung hatten Angst, dass niemand kommt. Ich hatte mich im Blue Radisson am Alexanderplatz eingebucht und zog los, mir die Stadt anzuschauen. Zwar befanden sich ein paar Besucher für die Demonstration auch im Hotel, aber das war aus meinem Gefühl beim Einchecken relativ überschaubar.

Wenn ich in einer fremden Stadt bin, laufe ich gerne zu Fuß durch die Gegend und schau sie mir an. Einfach so, ohne Ziel, immer der Nase nach. Ich war zwar schon häufig in Berlin und sowohl meine Mutter wie auch meine Oma kommen aus Berlin, aber Berlin verändert sich so schnell, dass es jedes Mal etwas Neues zu entdecken gibt. Ich war viele Stunden zu Fuß unterwegs und traf in der gesamten Zeit nur einmal einen Menschen, der mich erkannte. Noch immer war ich felsenfest davon überzeugt, dass die gesamte Veranstaltung ein Riesenflop würde. Ich schaue immer gerne vorher die Stellen an, wo ich später hinmuss, damit ich den Weg finde und weiß, wie viel Zeit ich brauche, und auch aus Sicherheitsgründen. So lief ich die Straße des 17. Juni entlang, dort standen schon die Trucks mit der Bühne – es war noch nichts aufgebaut. Ich sprach mit vielen, von denen ich wusste, dass sie in der Stadt waren und alle hatten das Gefühl, dass am nächsten Tag höchstens ein paar Hundert Menschen zu der Veranstaltung kommen würden. Mein Gedanke war, erst gar nicht zur Demonstration, dem angekündigten großen Demonstrationszug durch ganz Berlin zu gehen, sondern am besten direkt zur Bühne, mich dort mit ein paar Menschen zu unterhalten und einen Kaffee zu trinken.

Also lief ich vom Alexanderplatz los in Richtung Brandenburger Tor. Ich traf einige wenige Menschen, die auch dorthin auf dem Weg waren, und wir haben noch ein paar Späße gemacht, dass das ja eine sehr familiäre Veranstaltung wird. Kurz vor dem Brandenburger Tor kreuzte der Demonstrationszug. Er war unvorstellbar groß. Ich ging

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in diesen Zug hinein und lief mit ihm durch ganz Berlin, ich war in einem Freudentaumel. Es waren so viele Menschen da, dass dies normalerweise wirklich das Ende der Pandemie gewesen wäre. Hätte die Politik ein Interesse daran, was die Bürger denken, dann hätte dieser Tag ein Umdenken bedeuten müssen. Spätestens nach diesem Tag war klar, dass sich die Politik in Deutschland völlig von den Interessen der Bürger abgekoppelt hat. Die Zahlen wurden heruntergespielt und das Lustigste war, dass noch vor Beginn der Veranstaltung über die Nachrichtenticker der Mainstream-Medien die Information kam, dass die Veranstaltung aufgelöst wurde und dass ein paar Hundert Menschen zu der Veranstaltung gekommen seien. Es waren Zehntausende, es waren Hunderttausende.

Ich kam mit dem Demonstrationszug zusammen an der Bühne an und ging hinauf und konnte in beide Richtungen in ein unüberschaubares Meer von Menschen sehen. Ein bunter Haufen von friedlichen Menschen aller Gesellschaftsschichten, Hautfarben und Religionen, die zusammenkamen, um ein Friedensfest zu feiern und ein Zeichen zu setzen. Zu Beginn gab es einen Moment der Stille, in dem man jedes Räuspern der Teilnehmer hätte hören können, wenn sich jemand geräuspert hätte. Es war Totenstille. Und es war friedlich, es war Frieden zu spüren zwischen den Menschen.

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Blick von der Bühne (Berlin, 1. August 2020)

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Dann kam der Staat und wollte Stärke präsentieren. Man wollte die Veranstaltung mit Gewalt beenden. Aber es gelang nicht. Wir blieben sitzen, wir meditierten, wir sangen, wir waren eine Familie. Die Polizei hatte keine Macht. Die Staatsgewalt musste sehen, was der Wille des Volkes war. Das Volk wollte keine Aggression, das Volk begegnete den Aggressoren mit Liebe. Wir kümmerten uns um die Polizisten, die man auf uns hetzte. Wir gaben ihnen zu trinken, wir redeten freundschaftlich mit ihnen, wir redeten ihnen gut zu, wenn wir sahen, dass ihnen die Hitze zu schaffen machte, dass ein anderer ihre Position einnehmen sollte. Es war die Polizei, die Reden verhinderte. Aber die Botschaft, die von diesem Tag ausging, wird in die Geschichte eingehen.

Dieser Tag hat mehr Bedeutung als alle anderen Tage auf den Demonstrationen in der Bewegung. Dieser Tag wird in die Geschichtsbücher eingehen. Der 29. und der 30. August brachten noch viel mehr Menschen auf die Straße, aber leider auch viel mehr Polizei. Die Polizei zeigte Härte und zeigte, dass es sie nicht interessierte, dass Menschen ein Demonstrationsrecht haben, dass Menschen selbstbestimmt sein können. Und die Polizei zeigte, dass sie gegen friedliche Menschen mit Gewalt vorgeht, auch wenn diese auf einer so symbolträchtigen Straße ein Friedensfest feiern. Die Polizei zeigte, dass sie nichts aus der Geschichte gelernt hat, sie zeigte, dass sie wieder blind Befehlen gehorcht und nicht davor zurückschreckt, das Volk, dem sie eigentlich verpflichtet ist, Gewalt entgegenzusetzen, weil einige politisch verwirrte Politiker dies angeordnet hatten.

Ich schämte mich an diesen beiden Tagen, dem 29. und 30. August 2020, das erste Mal richtig für unsere Polizei, für jeden einzelnen Beamten, der hier in der Menge stand und die Staatsgewalt umsetzte, obwohl der Souverän ihm das nicht erlaubte. Es ist schwer zu verstehen, wenn man an das Grundgesetz glaubt, dass Beamte, die auf das Grundgesetz einen Eid ableisteten, nicht bereit sind, das Grundgesetz zu schützen, sondern aktiv daran beteiligt sind, aus einer Demokratie eine Diktatur zu machen. Das dritte Mal auf deutschem Boden.

Ich durfte Robert Francis Kennedy Junior kennenlernen und machte mit ihm gemeinsam eine Pressekonferenz. Wir schritten zusammen auf die Siegessäule zu, riefen gemeinsam eine Spontanversammlung aus und führten sie durch. Die Sicherheitskräfte mussten ihn dann aus der Spontanversammlung herausführen und ich übernahm diese. Ich sagte einige Worte und am Ende saßen wir auf der Erde, fried

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lich vor einer großen Menge von Polizei, und sangen unter anderem mehrfach die Nationalhymne. Die Polizei forderte uns auf, zu gehen, nachdem sie rechtswidrig die Spontanversammlung abgebrochen hatte. In dem Moment, wo wir der Aufforderung der Polizei nachkamen und von uns aus die Versammlung auflösten, machte sie Jagd auf uns durch den Tiergarten. Wieder musste ich erleben, dass die Polizei, für die ich immer geradegestanden hatte und mit denen ich zusammen in Notfallsituationen als Notarzt gearbeitet hatte, zu Söldnern wurde. Söldner, die Befehle ausführen und dabei gegen Gesetze verstoßen. Alle diese Beamte machten sich strafbar, und sie wissen das. Sie taten es dennoch, als sie Befehlen gehorchten. Es ist mir unverständlich, dass dies auf deutschem Boden passieren kann. Das kann in jedem Land passieren, aber nicht in Deutschland. Ich war lange stolz, Deutscher zu sein, ich bin es nicht mehr.

Wir haben viel aufzuarbeiten und wir müssen analysieren, warum wir aus der Geschichte nichts lernten. Es sollte jeden Polizisten, der das hier liest, nachdenklich machen, dass Robert Francis Kennedy

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Bodo Schiffmann mit Robert F. Kennedy Junior am 30.8.2020 in Berlin

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Junior in Berlin spricht und es ist noch nicht einmal eine Randnotiz in den öffentlichen Kanälen wert. Und jeder Polizist, der da war, weiß, wie viele wirklich da waren. Und jeder Polizist, der da war, weiß, dass keiner der Polizisten wieder nach Hause gekommen wäre, wenn wir radikal gewesen wären. Wenn wir uns so benommen hätten wie Linksradikale oder Rechtsradikale, dann wäre dies ein Bürgeraufstand geworden, den die Bürger mit Leichtigkeit gewonnen hätten. Aber wir stehen nicht für Gewalt, wir stehen für Frieden, für Liebe und für Gemeinschaft. Und jeder, der das hier liest, sollte sich darüber Gedanken machen.

Wir werden niemals Gewalt anwenden! Warum wendet ihr Gewalt an gegen uns? Wir lieben unsere Kinder! Was habt ihr gegen eure Kinder?

Ihr solltet euch auch im Gedenken an 1989 überlegen, auf welcher Seite der Mauer ihr steht! Die Wahrheit gewinnt immer, weil die Lüge sich irgendwann so sehr in Widersprüche verwickelt, dass es jeder merkt. Es ist nicht zu spät, die Seite zu wechseln.

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