2025-05-29
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32.1 Einleitung: Der große Mythos
Die DDR wurde von Anfang an als der „bessere deutsche Staat“ inszeniert – antifaschistisch, sozialistisch, moralisch überlegen gegenüber der „reaktionären Bonner Republik“. Doch hinter der Fassade des antifaschistischen Gründungsmythos verbergen sich klare strukturelle und personelle Kontinuitäten zur NS-Zeit.
Auch die DDR übernahm NS-Funktionäre, Juristen, Mediziner und Verwaltungsbeamte, sofern sie nützlich waren oder sich loyal zum neuen Regime bekannten. Die Sowjetische Besatzungsmacht und später die SED verfolgten dabei pragmatische Ziele: Funktionalität ging vor Aufarbeitung. Wer sich dem System unterordnete, wurde integriert – unabhängig von seiner Vergangenheit.
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32.2 Justiz: Alte Richter in neuen Roben
Beispiel 1: Hilde Benjamin – Justizministerin und NS-Gutachterin
Hilde Benjamin wird oft als Symbol der DDR-Justiz dargestellt – hart, ideologisch, linientreu. Doch ihr Aufstieg basiert auch auf ihrer Tätigkeit als juristische Gutachterin im NS-Staat. Bereits vor 1945 war sie an der Ausarbeitung von Rechtspositionen beteiligt, die mit der NS-Gesetzgebung kompatibel waren. Nach dem Krieg wurde sie zunächst Richterin am Berliner Landgericht, später Justizministerin der DDR (1953–1967).
Als „rote Guillotine“ war sie verantwortlich für über 100 politisch motivierte Todesurteile – viele gegen mutmaßliche „Staatsfeinde“, deren Vergehen oft in systemkritischen Aussagen bestand.
Beispiel 2: Dr. Ernst Melsheimer – NS-Staatsanwalt und DDR-Generalstaatsanwalt
Melsheimer war bereits unter den Nazis Staatsanwalt. Nach 1945 trat er in die SED ein, wurde 1949 der erste Generalstaatsanwalt der DDR und blieb bis 1960 im Amt. In politischen Prozessen war er Hauptverfolger und trug maßgeblich zur Repressionsjustiz bei. Seine NS-Vergangenheit wurde systematisch verschwiegen – obwohl sie durch Archivquellen gut dokumentiert ist.
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32.3 Medizin: Die „weißen Kittel“ im Dienst des Sozialismus
Beispiel 3: Dr. Erich Straub – NS-Psychiater und DDR-Psychiatriechef
Straub war unter den Nazis als Psychiater in die Begutachtung von Euthanasie-Fällen eingebunden. Nach 1945 wurde er Chefarzt der psychiatrischen Abteilung in Potsdam und Direktor des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit. In der DDR war er verantwortlich für die psychiatrische Unterbringung politisch Unangepasster – u. a. sogenannter „Querulanten“, die auf Basis ihrer politischen Kritik als „krank“ abgestempelt wurden.
Beispiel 4: Prof. Helmut Neumann – Beteiligter am T4-Programm, später Hochschullehrer
Neumann war als Mediziner während des NS in die Organisation der „Euthanasie“ involviert (T4-Programm). Nach 1945 wurde er Professor für Humangenetik in Jena – und schrieb dort ideologisch geprägte Lehrbücher, in denen sozialistisches Gedankengut mit vererbungsbiologischen Vorstellungen vermischt wurde.
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32.4 Verwaltung: NS-Beamte im sozialistischen Gewand
Beispiel 5: Willi Stoph – Wehrmachtsoffizier, später Ministerpräsident
Stoph war Offizier der Wehrmacht und trat 1931 in die NSDAP ein. Nach dem Krieg überlebte er in sowjetischer Kriegsgefangenschaft und trat 1946 in die SED ein. In der DDR wurde er zunächst Innenminister, dann Verteidigungsminister, später Ministerpräsident (1964–1973, 1976–1989).
Sein Aufstieg zeigt exemplarisch, wie das DDR-System auch NS-nahes Militärpersonal integrierte, wenn sie sich politisch nützlich machten.
Beispiel 6: Horst Brünner – ehemaliger NSDAP-Funktionär, später Innenpolitiker
Brünner trat 1937 der NSDAP bei, wurde Offizier, dann Kriegsgefangener. Nach seiner Freilassung machte er in der DDR Karriere bis zum Stellvertretenden Minister für Nationale Verteidigung. Seine NSDAP-Mitgliedschaft wurde in der DDR nie thematisiert.
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32.5 Geheimdienste: Die Stasi und ihr Personal
Die Staatssicherheit war das Herz der DDR-Repression – und auch sie griff auf ehemalige Gestapo-Leute und andere NS-Belastete zurück.
Beispiel 7: Rudolf Schröder – SS-Unteroffizier, später Offizier der Stasi
Schröder war während des Krieges in der SS aktiv. Nach 1945 wurde er Stasi-Mitarbeiter in Berlin und baute u. a. Überwachungsnetze gegen systemkritische Künstler auf. Seine Rolle während der NS-Zeit wurde nie thematisiert – bis interne Stasi-Unterlagen dies nach 1990 offenlegten.
Beispiel 8: Otto Engelhardt – Gestapo-Verhörspezialist
Engelhardt war Verhörspezialist der Gestapo in Dresden. Nach 1949 wurde er – nach kurzer Internierung – als Vernehmungstrainer für die Stasi tätig. Seine Techniken wurden u. a. in der Untersuchungshaftanstalt Berlin-Hohenschönhausen übernommen.
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32.6 Bildung: Lehren aus der Vergangenheit – aber von denselben Lehrern
Viele Lehrer und Hochschullehrer, die zwischen 1933 und 1945 linientreue Ideologen waren, durften nach dem Krieg weiter unterrichten, solange sie sich zur SED bekannten.
Beispiel 9: Prof. Werner Hartke – NSDAP-Mitglied, später Rektor der Universität Jena
Hartke war NSDAP-Mitglied und aktiv im NS-Dozentenbund. Nach 1945 wurde er zunächst suspendiert, später jedoch rehabilitiert. In der DDR wurde er Rektor und Vorsitzender der Historikerkommission – und gestaltete die offizielle Geschichtsschreibung der DDR wesentlich mit.
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32.7 Fazit: Der antifaschistische Staat als strukturelle Lüge
Die DDR hat sich selbst als antifaschistisch inszeniert – aber ihre Elite beruhte zu einem nicht geringen Teil auf genau den Personen, die sie angeblich bekämpfte. Es war eine doppelte Täuschung:
• Nach außen: Das Bild vom „gereinigten Arbeiterstaat“.
• Nach innen: Die Wiederverwendung alter Eliten, die bereit waren, dem neuen System zu dienen.
Antifaschismus war in der DDR kein ehrlicher Bruch, sondern ein neues ideologisches Werkzeug zur Machtsicherung – unter Verwendung der alten Funktionäre, Methoden und Denkweisen.
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📚 Quellen (Auswahl):
• Hubertus Knabe: Die Täter sind unter uns. Über das Schönreden der SED-Diktatur, Propyläen, 2007
• Jens Gieseke: Die Stasi 1945–1990, C. H. Beck, 2001
• Ilko-Sascha Kowalczuk: Endspiel – Die Revolution von 1989 in der DDR, C.H. Beck, 2009
• Hannah Arendt: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, Piper, 1986
• DDR-Ministerratsakten (Bundesarchiv, BStU-Unterlagen)
• Forschungsgruppe „NS-Belastete in der DDR“ (Zentrum für Zeithistorische Forschung, Potsdam)