2025-05-29
⸻
30.1 Einleitung: Die Repräsentanten eines verdrängten Erbes
Der Bundespräsident steht nicht für Regierungspolitik, sondern für die moralische Identität des Staates. Seine Person soll Vertrauen verkörpern, Orientierung bieten, Vorbild sein. Doch was, wenn die Biografien dieser obersten Repräsentanten nicht für Humanität und Rechtsstaatlichkeit stehen, sondern für Beteiligung an einem verbrecherischen Regime? Was, wenn sie nicht Mahnung, sondern Fortsetzung einer politischen Tradition sind, die Millionen das Leben kostete?
Die Bundespräsidenten Heinrich Lübke, Karl Carstens und Walter Scheel sowie der einflussreiche Diplomat Ernst von Weizsäcker und sein Sohn Richard von Weizsäcker zeigen: Die demokratische Selbstvergewisserung der Bundesrepublik war über Jahrzehnte ein Schauspiel, das auf Verdrängung, symbolischem Neuanfang und dem taktischen Schweigen über die Vergangenheit beruhte.
Dieses Kapitel seziert nicht nur die einzelnen Lebensläufe, sondern rekonstruiert den systematischen Umgang der Bundesrepublik mit ihrer belasteten Elite – ein Mechanismus der moralischen Selbsttäuschung, der bis heute nachwirkt.
⸻
30.2 Heinrich Lübke – Zwangsarbeit als Fundament der Präsidentschaft
Rolle im NS-Staat
Heinrich Lübke war kein „kleines Rädchen“ im Getriebe, sondern als technischer Leiter und Architekt an Großprojekten beteiligt, die im Rahmen der NS-Rüstungspolitik geplant und umgesetzt wurden. Besonders brisant: seine Beteiligung an unterirdischen Waffenfabriken – u. a. in Peenemünde und im KZ Mittelbau-Dora – wo tausende Zwangsarbeiter unter unmenschlichen Bedingungen litten und starben.
Originalpläne mit seiner Unterschrift enthalten Vermerke über die Verwendung von KZ-Häftlingen. Nach 1945 wurde Lübke dennoch als “Landwirtschaftsexperte” verharmlost. Die britische Militärverwaltung nahm ihn 1945 in Haft – doch die CDU übernahm bald seine Rehabilitierung. Sein Aufstieg zum Bundespräsidenten war keine Ausnahme, sondern ein Muster: Funktionäre wurden nicht aussortiert, sondern strategisch recycelt.
Politische Instrumentalisierung
In den 1960er-Jahren wurde Lübke zunehmend zum Problem – insbesondere durch die DDR, die ihn öffentlich der Kriegsverbrechen bezichtigte. Doch anstatt diese Vorwürfe zu prüfen, reagierte die westdeutsche Politik reflexhaft mit Abwehr, Vertuschung und PR-Strategien. Selbst als Lübke 1966 vor laufender Kamera bei einem Staatsbesuch in Afrika den Text seiner Rede vergaß und „Afrika“ mit „Asien“ verwechselte, hielt man an ihm fest. Sein Rücktritt 1969 wurde nicht als Eingeständnis von Schuld, sondern als medizinisch begründeter Abgang inszeniert.
⸻
30.3 Karl Carstens – Jurist des NS-Staates, Architekt der Nachkriegsordnung
NS-Biografie
Carstens trat 1933 der SA bei und war ab 1940 Mitglied der NSDAP. Er promovierte im „Dritten Reich“, arbeitete im Reichsluftfahrtministerium und war ab 1944 Beamter im Auswärtigen Amt – in einem Referat, das politische und rechtliche Deckung für NS-Kriegsverbrechen lieferte.
Nach Kriegsende stellte Carstens sich selbst als unpolitischen Juristen dar, der „in der Zeit keine Wahl gehabt habe“. Diese Schutzbehauptung wurde nie überprüft – im Gegenteil: Die junge Bundesrepublik übertrug ihm höchste juristische Verantwortung.
Macht und Rehabilitation
Carstens war von 1954 bis 1955 Leiter der Rechtsabteilung im Auswärtigen Amt, dann Chef des Bundeskanzleramts unter Adenauer. Seine NS-Vergangenheit war bekannt – doch kein Hindernis. Als Bundestagspräsident und später Bundespräsident (1979–1984) gab er sich als Hüter von „Anstand und Ordnung“. Dabei war er ein Symbol jener juristischen Kontinuität der Verwaltungseliten, die das NS-Regime mitgetragen und nach 1945 das Grundgesetz verwaltet hatten – ohne demokratische Läuterung, sondern mit institutioneller Unberührtheit.
⸻
30.4 Walter Scheel – Der „liberale Demokrat“ mit Parteibuch von 1941
Walter Scheel war Luftwaffenoffizier und seit 1941 Mitglied der NSDAP. Sein Eintritt erfolgte nicht unter Zwang, sondern freiwillig – und lange nach 1933, als die wahre Natur des NS-Regimes längst offenkundig war. Dennoch wurde seine Vergangenheit weitgehend ausgeblendet, weil er nach 1945 als moderner, weltoffener Politiker galt.
Seine Rolle in der FDP und der sozialliberalen Koalition diente als Schutzschild gegen eine historische Bewertung. Als Bundespräsident (1974–1979) war er das demokratische Aushängeschild der Bonner Republik. Doch auch bei ihm zeigt sich das Muster: Vergangenheit wird ausgeblendet, wenn die Gegenwart nützlich ist. Seine NSDAP-Mitgliedschaft wurde im Bundestag nie thematisiert.
⸻
30.5 Ernst von Weizsäcker – NS-Verbrechen im Maßanzug
Ernst von Weizsäcker war ab 1938 Staatssekretär im Auswärtigen Amt und einer der Hauptverantwortlichen für die diplomatische Abwicklung der Deportationen nach Auschwitz. Er war hochgebildet, elitär, vatikanfreundlich – und dennoch Mitgestalter eines Vernichtungssystems.
1949 wurde er im Wilhelmstraßen-Prozess zu sieben Jahren Haft verurteilt. Doch bereits 1950 wurde er begnadigt. Die katholische Kirche und internationale Netzwerke übten Druck aus, um seine Freilassung zu erzwingen. In der Bundesrepublik wurde er später nicht als Verbrecher, sondern als „Feingeist“ rehabilitiert.
⸻
30.6 Richard von Weizsäcker – Der Sohn als Deckmantel
Richard von Weizsäcker verteidigte seinen Vater bei den Nürnberger Prozessen. Seine eigene Karriere verlief makellos – er war CDU-Politiker, Bundestagsabgeordneter, Regierender Bürgermeister von Berlin, später Bundespräsident (1984–1994). Seine Rede zum 8. Mai 1985 wurde als historische Wende im Umgang mit der Vergangenheit gefeiert.
Doch in Wahrheit war Weizsäcker Teil eines Systems, das nicht auf Aufarbeitung, sondern auf Neuintegration setzte. Seine moralische Autorität beruhte auch darauf, dass er nie öffentlich über die Rolle seines Vaters sprach, nie Verantwortung für die familiäre Verstrickung übernahm. Dass ausgerechnet er das Symbol der „Vergangenheitsbewältigung“ wurde, ist eine bittere Ironie.
⸻
30.7 Fazit: Die Kontinuität der Elite – ein republikanischer Mythos
Die Bundesrepublik wurde nicht von Antifaschisten aufgebaut, sondern von alten Funktionären, Juristen und Diplomaten, die ihr Wissen aus dem NS-Staat in die neue Ordnung einbrachten. Die Präsidentschaften von Lübke, Carstens, Scheel und Weizsäcker sind nicht Makel in einer ansonsten makellosen Geschichte – sie sind Ausdruck der Systemlogik: Demokratie mit alten Mitteln, unter neuen Etiketten.
Diese Männer standen nicht nur an der Spitze des Staates – sie legitimierten eine Erzählung, in der Deutschland als geläuterte Nation erscheinen durfte, obwohl der Bruch mit der Vergangenheit nie stattfand. Es waren die Täter und ihre Söhne, die diese Geschichte schrieben. Und bis heute fehlt die Ehrlichkeit, dies anzuerkennen.